wein.plus
ACHTUNG
Sie nutzen einen veralteten Browser und einige Bereiche arbeiten nicht wie erwartet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser.

Anmelden Mitglied werden

Der Rheingauer „Geheimrat J“ feiert seinen 40. Geburtstag. Als erste Premium-Weinmarke Deutschlands bereitete der Riesling ab 1984 den Weg für trockene Weine. Wohin seine Zukunft führt, erläutert Wegeler-Geschäftsführer Richard Grosche.

„Der Geheimrat J ist für mich die Quintessenz des trockenen Rheingau-Rieslings", schwärmt Richard Grosche, Geschäftsführer der Weingüter Wegeler in Oestrich-Winkel, über das Aushängeschild seines Hauses. Als einer der wenigen deutschen Markenweine im Top-Segment feiert der „Geheimrat J“ in diesem Jahr sein vierzigjähriges Bestehen: 1984 wurde er erstmals vorgestellt, und das war Anlass für eine Verkostung aller jemals produzierten Jahrgänge, die Ende Januar 2024 in Wiesbaden stattfand.

Geladen hatte das Weingut ins Restaurant „Ente“ im Hotel Nassauer Hof, dem Nachfolger der einst berühmten „Ente vom Lehel“. Dort ließ zu Anfang der 1980er Jahre Küchenchef Hans-Peter Wodarz seine Haute Cuisine servieren. Restaurants dieser Kategorie gab es damals kaum eine Handvoll in Deutschland. Die trockenen Weißweine, die in den wenigen „Gourmet-Tempeln“ auf der Karte standen, kamen aus Frankreich; deutscher Riesling, der hier ausgeschenkt wurde, war rest- oder edelsüß.

 

Zur Marke „Geheimrat J“ gehört auch die Flaschenausstattung.

Vinolog

Erster trockener Spitzenriesling

Das änderte sich erst mit dem „Geheimrat J“, den Gutsinhaber Rolf Wegeler und sein Kellermeister Norbert Holderrieth 1983 konzipierten und ein Jahr später in der „Ente vom Lehel“ vorstellten. Die beiden nahmen sich als Vorbild den „Baron de L“, einen Sauvignon Blanc aus der renommierten Loire-Appellation Pouilly-Fumé, der seit 1972 in sehr guten Jahrgängen aus den besten Weinbergsparzellen der Winzerfamilie de Ladoucette erzeugt wird.

Wie der „Baron de L“ ist auch der „Geheimrat J“ eine Lagencuvée: Er vereint Trauben aus 16 Rheingauer Weinbergen, die als „Große Lagen“ klassifiziert sind. Um zum Markenwein zu werden, brauchte er einen einprägsamen Namen. So benannte Rolf Wegeler ihn, inspiriert vom Loire-Vorbild, nach seinem Großvater, dem Geheimrat Julius Wegeler. Dieser war Geschäftsführer der Sekt- und Weinkellerei Deinhard an der Mosel und Präsident des Deutschen Weinbauverbands gewesen und hatte 1882 das Weingut Wegeler im Rheingau gegründet.

 

Neue Ausstattung nach 40 Jahren

„Das erste Etikett hat damals ein Mitarbeiter des Weinguts entworfen“, erzählt Rolf Wegeler. Zum Jubiläumsfest wurde die Ausstattung mit Hilfe einer Design-Agentur behutsam, aber erkennbar modernisiert. „Auch ein Edelstein muss manchmal nachgeschliffen werden“, kommentiert Richard Grosche die Überarbeitung. Wo auf dem Etikett bisher ein Wappen prangte, ist nun eine Bronzemünze mit dem Kopf von Julius Wegeler, seinem Titel und Namen sowie seinen Lebensdaten zu sehen. Damit soll der Wein noch mehr Bezug zu seinem Paten gewinnen.

Unter und über dem Schriftzug „Geheimrat J“ symbolisieren 16 stilisierte Diamanten die Einzellagen, aus denen die Trauben stammen können, ergänzt um die Aufschrift „16 große Terroirs“. Als Markenwein zeichnet sich der „Geheimrat J“ durch eine charakteristische Stilistik aus, deren wichtigste Elemente laut Richard Grosche „Eleganz, Finesse und Mineralität“ sind. Die wiedererkennbare Typizität erreicht das Weingut dadurch, dass die Anteile der 16 Großen Lagen von Jahr zu Jahr variieren – je nach Witterungsverlauf.

 

Richard Grosche ist Geschäftsführer der Weingüter Wegeler in Oestrich Winkel (Rheingau) und Bernkastel-Kues (Mosel)

Arne Landwehr

Cuvée aus besten Lagen und Fässern

Wegeler besitzt im Rheingau insgesamt 45 Hektar Rebfläche, darunter in vielen Großen Lagen oft mehrere Hektar. Lagenspezifisch als Großes Gewächs (GG) wird stets nur ein Teil des Leseguts ausgebaut. „Das Rückgrat des Geheimrat J wird immer der Geisenheimer Rothenberg sein“, erklärt Richard Grosche. Der nach Süden ausgerichtete Steilhang besteht aus Schiefer, Taunusquarzit und Eisenoxid. Hier verfügt das Weingut über viele unterschiedliche Parzellen, so dass sich Jahrgangsunterschiede ausgleichen lassen. „Wir wählen die Parzellen mit perfekter Reife, aber ohne Überreife aus“, so Grosche.

Danach beginnt die „Kunst der Cuvée“, wie Grosche es formuliert: Aus den besten Fässern wird der „Geheimrat J“ komponiert – ähnlich wie die Grands Crus im Bordeaux. „Bei jedem Wein ist jedes Fass unterschiedlich, Einzelfass-Abfüllungen sind sehr selten. Natürlich kann ein Solist strahlen, aber die größte Harmonie entsteht im Zusammenspiel“, erläutert Grosche. „Insofern ist fast jeder Wein eine Cuvée.“

 

Drei Reifestufen pro Jahr erhältlich

Die Idee des „Geheimrat J“ ist Grosche zufolge simpel: „Wir wollen den besten Wein des Jahrgangs erzeugen.“ Der solle aber „kein Show-Wein“ sein. Der „Geheimrat J“ reift drei Jahre im Keller, bevor er in den Handel kommt. Der jüngste Jahrgang 2021 wurde nun erstmals mit dem neuen Etikett ausgestattet. Im ersten Jahrzehnt seiner Existenz wurde der „Geheimrat J“ ausschließlich an die Spitzengastronomie verkauft, seit zehn Jahren ist er auch über den Fachhandel und ab Weingut zu beziehen.

„Bis vor wenigen Jahren noch waren alle Jahrgänge des Geheimrat J ständig verfügbar. Das hat viele Kunden, Fachhändler und Gastronomen überfordert“, berichtet Richard Grosche. Daher sind jetzt stets nur noch drei Jahrgänge ab Weingut beziehbar – in verschiedenen Reifestadien, jeweils im Abstand von fünf Jahren: „jung, leicht gereift und in einer ersten Genussphase“, verdeutlicht Grosche. Aktuell sind so die Jahrgänge 2021, 2016 und 2011 erhältlich, im kommenden Jahr werden es 2022, 2017 und 2012 sein. „Händler und Gastronomen haben oft nicht die Lagerkapazitäten, um Weine reifen zu lassen, daher muss es das Weingut tun“, erklärt Grosche.

 

Nach zwei oder drei Jahrzehnten zeigen die Weine ihre Persönlichkeit

Vinolog

Konkurrenz zu Großen Gewächsen

Die 36 Jahrgänge „Geheimrat J“, die bei der Wiesbadener Verkostung aufgeboten wurden, demonstrierten beeindruckende Reifefähigkeit: Der Premieren-Jahrgang 1983 war sensorisch nicht der älteste, die Weine aus den 1990er und 2000er-Jahren zeigten deutlich ihre Persönlichkeit, und bei den drei bis vier Jahrzehnte gereiften Gewächsen gesellten sich zu Noten von getrockneten Aprikosen und Karamell bemerkenswerte Aromen wie Maronen und Sanddorn. Prägend blieben dabei stets die charakteristische Geradlinigkeit und Mineralität.

Richard Grosche sieht den „Geheimrat J“ im Wettbewerb mit „den Spitzen der Riesling-GGs in Deutschland“. Der Weinfreund habe gelernt, dass eine Große Lage ihm Sicherheit bei der Weinauswahl biete. „Der Geheimrat J ist jedoch eigenständig. Einzellagen-Weine wie die Großen Gewächse sind die Interpretation eines Terroirs. Der Geheimrat J ist einfach ‚Best of Rheingau‘.“ Seit 1983 sei er zum Kompass für viele andere deutsche Weine geworden.

 

Den Markenkern erhalten

„Der Geheimrat J ist inzwischen eine weltweite Marke“, betont Grosche. „In Deutschland allein kann man keine starke Marke aufbauen, es geht um globale Sichtbarkeit.“ Deutsche Genießer neigten dazu, die Qualität eines Weins aus dem eigenen Land erst wahrzunehmen, wenn er im Ausland erfolgreich sei. „Ein großer deutscher Wein wird oft erst ernst genommen, wenn er in einem ausländischen Spitzenrestaurant auf der Karte steht. Und der Weinfan freut sich, wenn er feststellt, dass er den Wein, den er in Singapur für 300 Euro getrunken hat, zu Hause in Hamburg für 120 Euro bekommen kann.“

Der „Geheimrat J“ kostet derzeit weniger als 40 Euro. „Wert ist er wahrscheinlich das Doppelte“, sagt Richard Grosche augenzwinkernd. Produziert werden pro Jahr 15.000 bis 20.000 Flaschen, der Exportanteil wächst. „Ich bin froh, dass die Marke nie verwässert wurde“, sagt Grosche – und das will er auch künftig so halten: „Wir wollen keinen Moden folgen, sondern dem Stil treu bleiben – und dabei Vollgas geben.“

Mehr verwandte Stories

Alle anzeigen
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr

Veranstaltungen in Ihrer Nähe