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In der EU wird die Zulassung und Kennzeichnungspflicht für „Neue Gentechnik“ (NGT) diskutiert. Professor Dr. Kai Voss-Fels, Leiter der Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim, will künftig intensiv mit den neuen Methoden arbeiten. Mit Raffaella Usai und Alexander Lupersböck spricht er über neue Chancen und unbegründete Ängste.

Die neue Gentechnik (NGT), auch als „Genschere“ oder Crispr/Cas9 bekannt, löst oft Skepsis und Angst vor unabsehbaren Auswirkungen auf die Umwelt aus. Sie unterscheidet sich von der in den 1990er-Jahren eingeführten Technologie dadurch, dass keine Gene fremder Organismen eingesetzt werden, um damit gewünschte Eigenschaften zu „implantieren“. Bei der NGT werden durch direkte Änderung des Erbguts der Pflanzen bestimmte Eigenschaften verstärkt oder ausgeschaltet. Dieses gezielte Eingreifen soll zu schnellen Zuchtergebnissen führen. „Natürliche Mutationen, also Veränderungen im Erbgut, sind der Treiber für Evolution und damit auch die Grundlage der Züchtung”, erklärt Prof. Voss-Fels. „Auch bei der klassischen Züchtung werden durch Kreuzung Veränderungen in der Erbinformation ausgelöst oder genetische Informationen aus verwandten Arten gezielt in die Pflanzen eingebracht.”

Er nennt ein Beispiel: „Sorten wie Riesling oder Spätburgunder werden seit Jahrhunderten ausschließlich über Stecklinge vermehrt. In diesem Prozess haben wir Millionen von Mutationen angehäuft, die sich zufällig gebildet haben und die heutigen Rebsorten prägen. Wir könnten wie bisher weiter vermehren und hoffen, dass gewünschte Änderungen in den kommenden Jahren oder Jahrhunderten zufällig entstehen - und wir sie außerdem auch finden und nutzbar machen. Oder wir könnten mit NGT-Verfahren solche Mutationen gezielt auslösen.“

 

In der klassischen Züchtung wird das Erbgut durch Kreuzung verändert. Diese Mutationen sind nicht steuerbar.

HS Geisenheim

Die so veränderten Rebsorten seien nicht von den anderen unterscheidbar. Voss-Fels erzählt aus seiner Arbeit in Geisenheim: „Wir haben kürzlich etwa 250 Klone der Sorten Weißer Riesling und Roter Riesling analysiert. Im Erbgut dieser 250 Klone fanden wir rund 1,2 Millionen Mutationen, also 1,2 Millionen Unterschiede im Gencode. Das bedeutet: Kurze Schnipsel des Erbguts sind in manchen Klonen vorhanden und in manchen nicht.” Genau an diesem Punkt setzen die NGT-Verfahren an: “Im einfachsten Fall werden nur ein oder zwei Teile des mehrere hundert Millionen Teile umfassenden Erbguts der Rebe verändert.“ So könnten beispielsweise Reb-Eigenschaften wie Lockerbeerigkeit oder weniger Mostgewicht mit geringerer Alkoholausbeute gefördert werden. „Wir müssen nicht mehr Jahrzehnte oder Jahrhunderte warten, bis eine zufällige Mutation auftritt, die der Sorte günstigere Eigenschaften verschafft. Die müssen wir aber erst mit sehr viel Aufwand im Weinberg identifizieren. Das herkömmliche Verfahren der Klonselektion in der Rebenzüchtung beruht im Grunde auf Zufall und einer Portion Glück. Das könnten wir mit modernen Verfahren viel präziser und schneller gestalten.”

Voss-Fels räumt ein, dass der Einsatz von NGT noch in den Kinderschuhen stecke und nach derzeitigem Stand der Gesetzgebung nur schwer möglich sei. Versuche im Freiland mit gentechnisch verändertem Material dürfte sein Team derzeit nicht machen. Diese würden die Wissenschaftler aber brauchen, um genügend Erkenntnisse sammeln zu können. „Wir wollen ja nur in Umlauf bringen, was sich in gut kontrollierten Feldversuchen bereits bewährt hat“, betont er. Derzeit beruhen sämtliche Ergebnisse auf Laborarbeit.

 

„Es gibt kein Entweder-Oder”

Kritiker wenden ein, dass die genetische Forschung bislang keine brauchbaren Resistenzmechanismen bei Reben hervorgebracht habe, die klassische Rebenzüchtung aber schon viel weiter sei. Dem antwortet Voss-Fels: „Mit den gleichen Argumenten hätten wir jede Innovation, die die Menschheit hervorgebracht hat, kurz nach dem Start abbrechen können. Einerseits wird unsere Forschung extrem streng reguliert. Wir dürfen kaum etwas weiterentwickeln. Andererseits wirft man uns vor, wir würden nichts Sinnvolles abliefern. Das ist mir zu sehr schwarz-weiß. Ich denke niemals in Entweder-Oder.”

Er präzisiert seine Herangehensweise: “Meine Zuchtziele sind klar definiert, ich bediene mich der Werkzeuge, die vorhanden sind, um diese bestmöglich zu erreichen. Wenn Sie eine Schraube in die Wand drehen wollen, brauchen Sie einen Schraubenzieher. Für die Züchtung können wir heute verschiedene Werkzeuge nutzen. Gentechnik ist ein extrem interessantes Werkzeug für genau definierte Anwendungsbereiche. Es gibt aber auch Forschungsgebiete, da würde ich nicht zu diesem Tool greifen, weil wir mit anderen Verfahren wie etwa der Kreuzungszüchtung schneller ans Ziel kommen.“

So sei NGT heute vermutlich nicht für bessere Resistenzen gegen Trockenheit und Wassermangel geeignet. „Dafür ist nicht nur ein einziges Gen verantwortlich. Es ist das komplexe Zusammenspiel aus Tausenden von Genen in Interaktion mit der Umwelt. Hier kann ich mit Gentechnik oder Präzisionszüchtung vermutlich nicht viel ausrichten, weil ich dazu theoretisch 5.000 Gene zugleich verändern müsste. Das ist technisch nicht machbar und da greifen wir auf klassische Kreuzungszüchtung zurück.“

 

Derzeit sind Freilandversuche mit gentechnisch verändertem Material nicht erlaubt.

Woody T. Herner

“Ich kenne keine Gefahr, die von NGT-Klonen ausgehen könnte”

Was sagt er den Kritikern, die gentechnisch veränderte Pflanzen grundsätzlich ablehnen? Welche Gefahr könnte zum Beispiel von einem Riesling ausgehen, dem zusätzlich ein Gen für Resistenz gegen Peronospora eingekreuzt wurde? „Nach allen Maßstäben der Wissenschaft sind die Verfahren sicher. Ich habe diese Mythen rund um Gentechnik und Umweltgefahren oft genug diskutiert. Ich kenne keine einzige Gefahr, die von diesen Klonen ausgehen könnte. Wenn jemand glaubt, dass Bienen dadurch zu Zombies mutieren: Das entbehrt jeder Grundlage. Die einzige Gefahr könnte eventuall sein, dass eine Resistenz nicht effektiv genug ist. Der neue Riesling wäre damit genauso anfällig gegen Peronospora ist wie der alte. Aber da werden die Winzer sagen: ‚Das brauche ich nicht, weil das neue Material keinen Mehrwert bietet.”

Die NGT beschleunige nur die klassische Mutationszüchtung, mit deren Ergebnissen wir alle seit vielen Jahrzehnten leben. „Ich gehe fest davon aus, dass Sie diese Woche schon irgendwas gegessen haben, das aus einer Kulturpflanze wie Getreide oder Reis produziert worden ist, die mit Mutationszüchtung gezüchtet wurde”, so Voss-Fels. “Dafür werden ionisierende Strahlungen oder Chemikalien angewandt, die stark mutagen wirken, für den Menschen direkt aber schädlich sind. Die Mutationszüchtung hofft darauf, dass nützliche Varianten zufällig entstehen. Mit Gentechnik kann man die Trefferquote deutlich erhöhen und viel präziser arbeiten.“

 

Besserer Bioweinbau mit Hilfe von NGT?

In der Biolandwirtschaft sind gentechnische Verfahren derzeit nicht zugelassen. Dazu hat Voss-Fels eine klare Meinung: „Es darf niemand gezwungen werden, mit solchen Pflanzen zu arbeiten. Es sollte aber auch niemandem verwehrt werden. Eingriffe wie beispielsweise intensiverer Pflanzenschutz und der Einsatz von Kupferpräparaten sind auch nicht der Weisheit letzter Schluss”, betont er und fügt hinzu: „Wenn Gefahren nur aus ideologischen Gründen herbeigeredet werden, die über das hinausgehen, was sich über Jahrhunderte auf natürlichem Wege entwickelt hat, dann verstehe ich das nicht.“ Er würde zur höchstmöglichen Transparenz eine Deklarationspflicht begrüßen, die allerdings für alle Produkte gelten müsste: „Im ökologischen Anbau wird auf chemischen Pflanzenschutz verzichtet, weshalb häufiger Mykotoxine beispielsweise aus Mutterkorn im Getreide nachzuweisen sind. Das kann dem Menschen bereits ab relativ geringen Konzentrationen durchaus gefährlich werden und sogar Fehlgeburten auslösen. Dies sollte ebenso auf dem Etikett vermerkt werden wie der Hinweis, dass Produkte mit Sorten aus gentechnischen Verfahren hergestellt wurden. Damit sich die Konsumierenden ein Urteil bilden können und die Deklarierung nicht für Marketingzwecke ausgenutzt wird.“ Das kategorische Ausschließen von Pflanzgut, das mit Hilfe von NGT hergestellt wurde, sei wissenschaftlich nicht begründet.

 

Obwohl in der Rebenzüchtung derzeit nur im Labor möglich, ist NGT in anderen Bereichen im Alltag angekommen.

HS Geisenheim

Weniger Stress, weniger Pflanzenschutz

Gentechnik und Ökolandwirtschaft passen laut Voss-Fels dagegen hervorragend zusammen. „Es gibt nichts Eleganteres, als gentechnisch verändertes Material zu nutzen, das besser als herkömmliche Sorten mit Stressbedingungen klar kommt und deswegen weniger häufig gespritzt werden muss.“ Mit eindeutigen Deklarierungen könnten die Konsumierenden irgendwann in der Zukunft selbst entscheiden, ob sie einen Wein aus einer mit NGT gezüchteten Sorte kaufen, die deutlich weniger Pflanzenschutz bräuchte, oder eine Sorte, die genetisch unverändert sei, dafür aber mehr Behandlungen im Weinberg benötige.

NGT sei zudem längst in unserem Alltag angekommen. Derzeit seien hier hunderte Arzneimittel mit deutlich über 300 Wirkstoffen im Handel, die mit gentechnischen Verfahren hergestellt wurden. Davon stammen 60 aus deutscher Produktion. „Ich glaube nicht, dass viele Insulin- oder krebskranke Patienten sagen: ‚Nein, das Mittel nehme ich nicht, weil ich nicht will, dass Gentechnik für die Forschung eingesetzt wird. Im Zusammenhang mit grüner Gentechnik muss den Menschen und der Gesellschaft vielleicht noch klarer gemacht werden, welche direkten Vorteile sie bietet und wie sicher sie ist, um damit auch die Akzeptanz zu erhöhen und etwaige Ängste zu nehmen.“

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