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Unter dem Slogan „Die Vielfalt der Toskana kultivieren” betreibt die Familie Frescobaldi neun Weingüter in verschiedenen Terroirs der Toskana. Sie unterscheiden sich in Bezug auf Böden, Wetter, Umwelt und Geschichte - und verleihen ihren Weinen damit speziellen Charakter. Dazu wird jedes Weingut eigenständig verwaltet und bearbeitet. Alexander Lupersböck erhielt bei einem Besuch persönliche Einblicke in die Philosophie des Familienoberhaupts Marchese Lamberto Frescobaldi.

Marchese Lamberto Frescobaldi erzählt beim Abendessen, dass er an diesem Tag ein Erfolgserlebnis hatte: „Wir hatten eine Anfrage für unseren Schaumwein aus Kanada. Ich musste ablehnen, weil wir keinen mehr auf Lager haben. Ich gestehe, dass es gut tut, wenn man auch ab und zu mal sagen kann: "Sorry, wir sind ausverkauft!“

Es ist kein Wunder, dass die Nachfrage nach dem Leonia Pomino Brut von Frescobaldis Castello di Pomino hoch ist: Der nach traditionellem Verfahren auf dem Weingut versektete Spumante ist ein lebendiger und eleganter Wein, der eindeutig von der Höhenlage seiner Anbauzone profitiert. Also: auf nach Pomino.

 

Castello di Pomino: Einzigartig in der Toskana

Die Trauben für den Vinsanto werden zum Trocknen bei Castello Pomino traditionell an Schnüren aufgehängt
 

Frescobaldi bezeichnet das Castello di Pomino als „Das versteckte Juwel der Toskana“. Es liegt 35 km östlich von Florenz in den ersten Vorbergen des Apennins. Die 108 Hektar Weinberge erstrecken sich in Höhenlagen von 400 bis 750 Metern und sind von Wäldern umgeben. Die Geschichte des Castello reicht bis ins Jahr 1500 zurück. 1716 ernannte Fürst Cosimo III. de Medici Pomino zu einer der vier bevorzugten Weinbauregionen der Toskana. 1855 führte Leonia degli Albizi, die Frau von Angiolo Frescobaldi, die bis dahin in der Region unbekannten Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Blanc hier ein. Im Jahr 1983 erhielt das kleine Gebiet von Pomino, das zum größten Teil aus dem Besitz des Castello besteht, seine eigene geschützte Ursprungsbezeichnung: Pomino DOC, es ist auch die einzige DOC für Spumante in der Toskana.

Die früher hier auch angebauten Sangiovese und Merlot wurden durch Chardonnay und Pinot Noir ersetzt, nicht zuletzt wegen der großen Nachfrage nach den Schaumweinen. Diese wurden erstmals 2011 produziert. Heute erzeugt Frescobaldi hier jährlich rund 50.000 Flaschen vom Leonia Pomino Brut Pomino DOC Brut Millesimato aus 80 Prozent Chardonnay und 20 Prozent Pinot Blanc und 8.000 Flaschen vom Leonia Pomino Rosé Brut Millesimato aus Pinot Noir. Neben dem ersten im Barrique ausgebauten Weißwein Italiens – dem Chardonnay Benefizio Pomino Bianco Riserva DOC – wachsen hier auch die Trauben für reinsortigen stillen Pinot Noir, die Cuvée Pomino Bianco und den süßen Vinsanto. Dessen Trauben waren zur Zeit des Besuchs zum Trocknen („Appassimento“) aufgehängt, eine sehr aufwändige Methode, die kaum noch jemand anwendet. Ende Februar vergärt er in kleinen Holzfässern („Caratelli“), in denen er für sechs bis sieben Jahre reift.

Önologin Francesca Pratesi erzählt: „2022 begannen wir die Ernte Mitte August mit dem Chardonnay, der Pinot Noir folgte Ende August. Da wir viele Trauben für den Spumante brauchen, fangen wir trotz der Höhenlage recht früh damit an.“ Diese Höhenlage ist auch der Schlüssel für die Zukunft des Weingutes. Wie Pratesi erzählt, sei Pomino deswegen weniger anfällig für Trockenheit. Sie baut zwischen den Rebzeilen nun auch viele Bodendecker an, um die sandig-lehmigen Böden feucht zu halten. Ab 2023 werden alle Weinberge herbizidfrei bewirtschaftet. Außerdem arbeitet sie mit ihrem Team daran, die Weinberge bis in eine Höhe von 800 Metern zu erweitern. „Auf jeden Fall wollen wir Pomino speziell halten, denn es ist einzigartig in der Toskana!“

 

Castello di Nipozzano: Auch ohne Brunnen beständig

Der Ausblick von Castello Nipozzano geht von den Apenninen über die Täler von Arno und Sieve
 

Unweit von Pomino, aber deutlich tiefer in der Anbauzone Chianti Rufina liegt Castello Nipozzano , welches seit dem 11. Jahrhundert existiert. Der Name bedeutet „ohne Brunnen“. Im Osten sieht man den Apennin, Richtung Südosten die Täler der Flüsse Arno und Sieve. „Hier mischen sich diese Klimaeinflüsse und das gibt unseren Weinen eine spezielle phenolische Reife und Aromatik“, erklärt Önologe Lorenzo Portaro. „Die Landschaft der Rufina ist offener, nicht so kleinstrukturiert, und viel homogener als die des Chianti Classico. Unsere Weine haben daher mehr Säure und sind sehr lagerfähig“, so der junge Weinmacher. Wie zum Beweis dafür liegen die persönlichen Weinsammlungen der Familie Frescobaldi in einem Keller des Castello. Die 240 Hektar auf Kalkstein- und Lehmböden sind zu 80 Prozent mit Sangiovese bepflanzt, die Weinberge befinden sich zwischen 300 und 500 Metern Höhe.

Die bekanntesten Weine von Castello Nipozzano stammen von Einzellagen: Der Montesodi Chianti Rufina Riserva DOCG ist ein reinsortiger Sangiovese. Montesodi heißt „harter Berg“, und der auf 400 Metern Höhe liegende Weinberg musste mit Hilfe von Dynamit angelegt werden. 1974 war sein erster Jahrgang. Der Mormoreto Toscana IGT wird aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Petit Verdot gekeltert. Zur Zeit wird auch vermehrt spätreifender Cabernet und Petit Verdot gepflanzt, aber Portaro glaubt weiter an den Sangiovese: „Es wird mit neuen Unterlagsreben experimentiert und nach neuen Klonenselektionen für resistentere Reben gesucht.“ Experimente stellt er auch selbst an. So lässt er in acht Barriques ganze Beeren mitvergären und erhofft sich davon mehr Frische in den Weinen. „Wenn Ihr das nächste Mal wiederkommt, können wir ihn verkosten“, verspricht er.

 

Castelgiocondo: Brunello-Pionier mit Versuchslabor

Castelgiocondo  war Anfang des 19. Jahrhunderts einer der ersten Brunello-Erzeuger. Ab 1972 arbeitete Vittorio Frescobaldi hier als technischer Direktor, 1989 kaufte die Familie das Weingut. Die 110 Hektar Weinberge liegen in Höhen zwischen 200 bis 450 Metern und sind von Wäldern umgeben. In den tiefer gelegenen Weinbergen bestehen die Böden aus blauem Lehm – dort wird der Merlot des Gutes angebaut, der rund fünf Prozent des Rebbestandes ausmacht, und aus dem der reinsortige Lamaione kommt. Weiter oben, wo ausschließlich Sangiovese steht, ist der Lehm mit Sandstein gemischt und in den höchsten Parzellen stehen die Reben auf Galestro-Schiefer.

 
Blauer Lehm dominiert die tieferen Lagen von Castelgiocondo
 
In den mittleren Lagen mischen sich Lehm und Sandstein
 
Galestro-Schiefer herrscht an der Hügelkuppe vor
 
 
Davide Bozzon ist Önologe auf Castelgiocondo
 

Önologe Davide Bozzon erklärt, dass diese zwei Terroirs ein großer Vorteil für Castelgiocondo sind, weil sie die Chance geben, unter unterschiedlichsten  Bedingungen zu experimentieren. Er ist von der Zukunft des Sangiovese in der Toskana überzeugt: „Er ist am besten an das Klima angepasst, und er wird sich weiter anpassen.“ Beim Merlot, der ja besonders unter dem Klimawandel leidet, setzt man bei Castelgiocondo ebenfalls an Anpassungsfähigkeit und neue Erkenntnisse. „Vielleicht muss der Merlot einmal durch Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc ersetzt werden. Aber derzeit setzen wir weiter auf ihn und pflanzen ihn auch weiter an“, so Bozzon. Für die Zukunft werden Teiche errichtet und Bewässerungsanlagen installiert. Bozzon: „Wir bewässern nicht, um die Erträge zu steigern, sondern gerade so viel, dass die Pflanze nicht verdurstet. Wichtig ist, dass Weingarten-Manager und Kellermeister sehr gut zusammenarbeiten, und das funktioniert bei uns hervorragend.“ In einem Versuchsweingarten auf dem Gelände wird mit verschiedenen Klonen und Unterlagsreben experimentiert. Das dort gewonnene Material wird bereits für Neuanpflanzungen herangezogen.

Insgesamt wirkt es so, als ob man bei Frescobaldi den Herausforderungen des Klimawandels mit einer gewissen Gelassenheit gegenübersteht, ohne sie zu ignorieren. „Es gab schon viele Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte, und sie wurden nicht durch Aktionismus gemeistert, sondern durch Beobachten der Natur, Nachdenken, Reagieren mit Bedacht und Mitgestaltung der Neuerungen“, sagt Marchese Lamberto Fresobaldi. „Wo es notwendig ist, greifen wir ein und passen uns an, aber wir versuchen dabei immer unsere Geschichte und die Traditionen im Hinterkopf zu haben. Unsere Familie baut seit 900 Jahren Wein in der Toskana an. Diese Erfahrung lehrt uns, Änderungen anzunehmen, ohne in Panik zu verfallen. Und“, spielt er auf die Begrüßung an, „so schlecht dürften wir es nicht gemacht haben, wenn unsere Weine so beliebt sind!“

 

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Frescobaldi

Alle Fotos © Alexander Lupersböck

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