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Salvatore Leone Der Italiener Salvatore Leone ist seit 2013 als beratender Önologe in mehreren englischen Weingütern tätig. Im Gespräch mit Raffaella Usai erzählt er von den Herausforderungen, mit denen er kämpft - und von den Chancen, die sich für den Weinbau dort eröffnen. Denn das internationale Interesse wächst gewaltig. 

Herr Leone, Sie stammen aus Sizilien, einer Insel, über der fast immer die Sonne scheint. Und von dort hat es Sie ins kühle England verschlagen?

Salvatore Leone: (lacht): Ja, das klingt tatsächlich absurd. Für die Antwort muss ich etwas ausholen. Nach dem Abitur und einigen Praktika auf sizilianischen Weingütern, habe ich ein Önologie-Studium angefangen. Schon während des Studiums bin ich in die Rioja, um praktische Erfahrungen zu sammeln, danach kam ein Studienaufenthalt in Chile... Kurz: ich habe mein Studium nie abgeschlossen. Aber was ich in Südamerika, Neuseeland und Australien gelernt habe, hätte für drei Studiengänge gereicht. In Argentinien lernte ich einen Engländer kennen, der mir von den Schaumweinen aus seiner Heimat erzählte. Bis dato hatte ich England nicht als Weinland auf dem Radar, aber es hat mich sehr interessiert, deshalb kam ich hierher.

Ich wollte schon immer meinen Horizont erweitern.

In England Wein zu machen, ist so viel interessanter als im Rest der Welt?

Salvatore Leone: Nein, das nicht, aber hier kann ich machen, was mir Spaß macht. In Argentinien habe ich in einer Kellerei gearbeitet, die 25 Millionen Flaschen pro Jahr abfüllt – das ist mehr als doppelt so viel, wie in ganz England produziert wird. Oft saß ich nur am Schreibtisch, ich hatte wenig mit dem Weinmachen zu tun, sondern mehr mit der Organisation des Produktionsprozesses. Das war nicht das, was ich machen wollte. In England sind die Weingüter kleiner, jünger, offener für Innovationen. Die meisten sind gerade erst dabei, sich zu etablieren.

Das heißt, dort machen Sie die Weine tatsächlich selbst und die Weingüter vertrauen Ihnen und Ihrem Stil?

Salvatore Leone: Ja, ich kümmere ich mich um jeden einzelnen Produktionsschritt. In England tragen die Weine meine Handschrift. Auch weil es hier keine Traditionen gibt, gegen die man ankämpfen muss. Der gesamte Weinbau ist noch so jung, wir reden hier von 30 Jahren. Die Winzer haben wenig Erfahrung. Sie sind fast alle wohlhabende Quereinsteiger, die sich von Profis beraten lassen oder es sind Champagnerhäuser, die hier investieren.

Wie lief Ihre erste Weinlese in England?

Salvatore Leone: Während meiner ersten Weinlese in England habe ich für Nyetimber, dem größten Schaumweinerzeuger des Landes gearbeitet. Ich erinnere mich, dass ich von den säurereichen Mosten überwältigt war, sowas hatte ich vorher noch nie probiert! Das war eine komplett neue Welt. Danach wollte ich mich aber kleineren Projekten widmen wie Albourne Estate oder Oxney Organic Estate.

Mit welchen Rebsorten arbeiten Sie?

Salvatore Leone: In wärmeren Gegenden wie Essex, Sussex und Hampshire im Süden des Landes wachsen vor allem Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier. In kälteren Regionen, wie beispielsweise Cornwall, findet man eher deutsche Rebsorten wie Reichensteiner, Siegerrebe oder Bacchus.

Was sind die größten Herausforderungen?

Salvatore Leone: Das Klima ist sehr wechselhaft, das führt zu extrem schwankenden Erntemengen. Bei den kleinen Betrieben, die ich betreue, kann die Produktion zwischen 15.000 und 50.000 Flaschen pro Jahr variieren. Planen ist daher sehr schwierig.

Man muss sehr flexibel sein, schnelle Entscheidungen treffen.

Ist das für einen Weinmacher nicht frustrierend?

Salvatore Leone: Nun ja, manchmal schon. Aber es ist auch sehr spannend, weil man ständig neue Lösungen finden muss. 2020 habe ich beispielsweise für ein Weingut zwei Tage vor der Lese entschieden, einen Rotwein zu machen, den es bisher noch gar nicht im Portfolio gab. Die Pinot Noir-Trauben hatten ein solch überwältigendes Aroma und eine Reife, die ich bisher so in England noch nicht erlebt hatte. Da kam spontan der Gedanke, daraus keinen Schaumwein, sondern einen Stillwein zu keltern. Davon gibt es nur 1043 Flaschen, eine absolute Rarität, denn ich weiß nicht, wann es das Klima wieder erlaubt, diesen Wein zu erzeugen.

Aktuelle Studien sagen, dass der Weinbau in Großbritannien vom Klimawandel profitiert, da die Temperaturen steigen und die Niederschläge voraussichtlich abnehmen werden. Sehen Sie das auch so?

Salvatore Leone: Jein. Im vergangenen Herbst habe ich an einer Konferenz hier in England teilgenommen, an der es um genau diese Fragen ging. Ja, es stimmt, dass die Temperaturen tendenziell steigen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Niederschläge zunehmen werden. Und das würde zu einem höheren Krankheitsdruck im Weinberg führen. Man diskutiert daher über den Anbau von Piwi-Rebsorten. Doch es werden erste Stimmen laut, die unbedingt an den klassischen Champagner-Rebsorten festhalten wollen.

Haben Sie viel mit Rebkrankheiten zu kämpfen?

Salvatore Leone: Schon, das bringt das kühle Klima mit sich. Aber die Reben sind extrem anpassungsfähig, sie reagieren auf Kälte und Regen anders als in wärmeren Regionen, sie sind widerstandsfähiger. Es ist vergleichbar mit dem Immunsystem von Kindern, die bei Wind und Wetter draußen spielen dürfen.

Das von Ihnen betreute Weingut Oxney Organic Estate in East Sussex ist das größte Bio-Weingut Englands, es bearbeitet 20 Prozent der gesamten Bio-Weinanbaufläche des Landes. Wie schwierig ist es, biologisch zu arbeiten?

Salvatore Leone: Fast unmöglich (lacht). Es ist eine große Herausforderung und eine mutige Entscheidung. Denn die regelmäßigen Niederschläge erschweren es, mit dem Traktor durch die Rebzeilen zu fahren. Und bei Oxney müssen wir rund zwanzig Mal pro Jahr spritzen. Es ist schon ein Widerspruch, was die Nachhaltigkeit betrifft, darüber bin ich mir bewusst.

Ist England tatsächlich für Weinbau geeignet?

Salvatore Leone: Ich bin überzeugt davon, auch wenn man der Natur in manchen Jahren unheimlich viel abfordert. Geeignet ist das Terroir vor allem für die Produktion von Schaumweinen. Sie besitzen eine enorme Eleganz, besonders in kühlen Jahren mit geringen Erträgen. Für die Weingüter sind solche Jahre zwar kommerziell schwierig, aber für Weinmacher sind sie wunderbar. Dass viele an den Weinbau hier glauben, zeigt auch die Tatsache, dass die Rebfläche in wenigen Jahren auf rund 3.600 Hektar gestiegen ist.

Die Produktionskosten in England sind sehr hoch, entsprechend teuer sind auch die Weine.

Salvatore Leone: Ja, weil eben die durchschnittlichen Erträge sehr niedrig sind. In manchen Jahren erntet man nur 3.000 bis 4.000 Kilo pro Hektar, das ist schon sehr wenig. Aber auch in guten Jahren kann ein Winzer nur mit maximal 6.000 Kilo pro Hektar rechnen. Das schlägt sich in den Preisen nieder.

Warum sind die Erträge so niedrig?

Salvatore Leone: Unter anderem, weil die Reben hier nicht so schnell wachsen wie in wärmeren Gegenden. Zudem haben wir große Probleme mit Frühjahrsfrost. In der Regel drücken wir alle bis mindestens Mitte Mai die Daumen, danach können wir aufatmen. Der Vegetationszyklus beginnt sehr spät im Vergleich zu anderen Weinbaugebieten, wir sind rund einen Monat später als die Champagne. Oft regnet es heftig während der Blüte, auch das mindert den Ertrag. Das große Ziel ist es, zukünftig mit innovativen Techniken wie dem “sanften Rebschnitt” nach Simonit & Sirch, eine konstantere Erntemenge zu haben.

Britische Weine werden kaum exportiert. Wenn überhaupt, findet man im Ausland einige Schaumweine, aber auch nur, wenn man explizit danach sucht. Wieviel Prozent der britischen Gesamtproduktion sind Schaumweine?

Salvatore Leone: Von den rund 10,5 Millionen Flaschen, die 2019 in Großbritannien abgefüllt wurden, waren rund 55 Prozent flaschenvergorene Schaumweine. Der Trend ändert sich aber derzeit, immer mehr Weingüter wollen Stillweine erzeugen, obwohl das Flaggschiff der britischen Weinkultur eindeutig der Sparkling Wine ist. Das hat kommerzielle Gründe. Einen Stillwein können die Betriebe im nächsten Frühjahr bereits abfüllen und verkaufen, ein guter Schaumwein hingegen braucht Zeit.

Die Geschichte des britischen Weins hat gerade erst begonnen.

Wie würden Sie die Schaumweine charakterisieren, wie unterscheiden sie sich vom Champagner?

Salvatore Leone: Britische Schaumweine sind sehr frisch und mineralisch, haben tendenziell weniger Struktur und Körper als Champagner. Sie sind feiner, aber weniger komplex im Mund. Auch wenn sie länger auf der Hefe bleiben, haben sie weniger ausgeprägte Brioche-Noten als viele Champagner.

Wie sieht es mit der Dosage aus? Können sie auch in der Königsdisziplin Pas Dosé strahlen?

Salvatore Leone: Ja, aber die Grundweine müssen ein bestimmtes Gleichgewicht haben. Ich selbst bin ein großer Fan von Pas Dosé, aber leider gibt nicht jeder Jahrgang das her. Die britischen Schaumweine mit ihrer ausgeprägten Säure eignen sich wunderbar für den Ausbau in Barriques, da sie dadurch Fülle und Geschmeidigkeit bekommen. Ich experimentiere viel mit neuen und gebrauchten Fässern. Mein Ziel ist es, dass man das Holz nicht schmeckt, aber dass der Wein dadurch komplexer wirkt. Ich bin ständig dabei, neue Dinge auszuprobieren, um die Säure der Weine in Schach zu halten.

Haben Sie vor, in England zu bleiben?

Salvatore Leone: Absolut. Die Arbeit ist interessant, abwechslungsreich und die Geschichte des britischen Weins hat gerade erst begonnen. Ich bin stolz, dass ich ein Kapitel mitschreiben darf.

Fotos: © Oxney Organic Estate & © 123rf.com

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