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Irgendwo im Süden Englands lagert die wohl wertvollste Weinsammlung der Welt: Neun Millionen Flaschen im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro liegen gut versteckt - und bestens gesichert - in einem alten Bergwerk. Matthias Stelzig konnte sich in 30 Metern Tiefe umsehen.

Vincent O'Brien ist der Finanzchef des Octavian-Bergwerks
© Matthias Stelzig

„Wie lang die Gänge hier unten sind? Das weiß kein Mensch.“ Der Mann, der einen Kontrollblick auf den Laptop in seinem klitzekleinen Büro tief unter der Erde wirft, müsste es wissen. Doch Vincent O'Brien, der Finanzchef des Octavian, dem vielleicht größten Weinlager der Welt, hat es noch nie ausgerechnet. Das bescheidene Büro mit Resopaltisch vor kahlen Wänden täuscht: Mit seinen Excel-Tabellen managt der Buchhalter rund neun Millionen Flaschen Wein im Lagerbestand - und kann auf jede einzelne Flasche per Mausklick zugreifen.

Das Octavian im südenglischen Wiltshire ist ein Lager, in dem auch jeder private Weinfan seinen Wein reifen lassen kann. In den verzweigten Gängen des ehemaligen Bergwerks dämmern Weine und Spirituosen von rund 10.000 Kunden im Gesamtwert von 1,2 Milliarden Euro vor sich hin. Das ergibt durchschnittlich 130 Euro pro Flasche. Vor Vincents Bürotür herrschen in den 93.000 Quadratmetern Bergwerkstollen konstant zwölf bis 14 Grad Celsius. 30 Meter unter der Erde gibt es fast keine Temperaturschwankungen. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei ebenso dauerhaften und optimalen 80 Prozent. „Temperatur und Feuchtigkeit sorgen dafür, dass sich die Weine nicht mit der Luft austauschen, ihrem größten Feind”, erklärt Vincent, “das ist unser großes Potenzial.“ Er nimmt seinen Gast mit auf einen Spaziergang durch nirgends endende Gänge. Der Lageplan des Bergwerks an der Wand sieht aus wie ein Wimmelbild. Im 19. Jahrhundert wurde hier der bernsteinfarbene Sandstein abgebaut, mit dem Londoner Patrizier sich luxuriöse Villen im nahen und bekannten Badeort Bath errichten ließen.

 

Durchschnittlich zwei Kilometer Anfahrt zu einer Flasche Wein

Höchste Sicherheitsstufe: die einzige Zufahrt zum Octavian-Bergwerk
© Matthias Stelzig

Unter Tage fühlt man sich eher wie in einem Bunker mit einem Gewirr aus Leitungsschächten und Rohren. Mannshohe Ventilatoren sorgen für Atemluft. Hier und da sind ein paar Räume mit schweren Stahltüren verschlossen. Die Atmosphäre ist so eindrucksvoll, dass die alte Mine schon als Kulisse für einen Kriegsfilm diente. An die Wände gesprühte deutsche Wörter wie „Achtung“ und „Gefahr“, die man heute noch lesen kann, verwandelten die Stollen kurzzeitig in ein Nazi-Quartier.

Heute türmen sich links und rechts Holzkisten bis unter die Decke, deren Herkunft die Weinfreaks nur mit Ehrfurcht aussprechen: Von Angelus bis Yquem, Drouhin bis Roumier, Harlan bis Screaming Eagle, Selosse bis Jacquesson und Cannubi bis Masseto sind hier die Besten der Besten versammelt.

Im Gegensatz zu den rohen Wänden sind die Böden asphaltiert, damit die Gabelstapler freie Fahrt haben. „Durchschnittlich zwei Kilometer“, sagt Vincent und erklärt, dies sei die durchschnittliche Wegstrecke, wenn eine Flasche aus dem Verlies geholt wird. Vor unserer Nase zieht ein Flurförderzeug eine Palette aus dem Regal. Ein schneller Blick auf die Kisten: Der Gegenwert entspricht einem solide ausgestatteten Bausparvertrag.

Entsprechend gesichert ist das Octavian. Nur eine polierte Marmorplatte am Straßenrand weist auf die Zufahrt hin. Am Ende der Straße ist Schluss – jedenfalls für Normalsterbliche. Ein stählernes Tor, Stacheldrahtzaun mit Stahlspitzen, 24-Stunden-Kameraüberwachung und ein Pförtnerhaus, das eher wie ein Grenzübergang aussieht, schirmen das Gelände ab. Dort kommt niemand rein, der nicht dazugehört. Selbst die Auslieferungsfahrer haben außerhalb ihrer Schichten keinen Zutritt.

In den Bergwerksstollen lagern tausende Flaschen Spitzenwein wie dieser La Tâche
© Matthias Stelzig

Besucher bekommen eine Warnweste, eine Sauerstoffflasche für den Brandfall und eine Sicherheitseinweisung: Bei einem Feuer soll man den Flammen ausweichen und auf die Feuerwehr warten. Die Chancen auf Rettung stehen im Ernstfall gut. Die Chipkarte, die man um den Hals trägt, meldet über Sensoren in den Gängen jede Bewegung in die Zentrale. „Die haben wir eher für den Fall, dass hier mal einer verloren geht“, sagt Vincent. Doch die endlosen Gänge sind noch nicht einmal vermessen.

Professionelle Weindiebstähle kommen in der Szene derzeit öfter vor, selbst in gut gesicherten Kellern. Für das Octavian wäre ein Einbruch der GAU. Doch selbst wenn Gangster es in James-Bond-Schurken-Manier bis ins Allerheiligste schaffen würden, müssten sie die Beute erst noch zu Tage bringen und sich danach unbemerkt in der ländlichen Gegend aus dem Staub machen. Auch Betrüger haben schlechte Chancen: Kunden müssen sich ausweisen, Händler im Gewerberegister eingetragen sein, im Zweifelsfall gibt es vor der Vergabe eines Lagerplatzes einen Hintergrund-Check. Interessenten mit Vorstrafen und Betreiber von Briefkastenfirmen fragen vergebens.

 
Ein Lagerarbeiter öffnet zur Kontrolle eine Kiste Penfolds
© Matthias Stelzig

Jeder Lagerarbeiter kann Fälschungen erkennen

Wenn die neu angelieferten Flaschen mit der Lore rund 30 Höhenmeter tief in den Schacht hinein gefahren sind, werfen Vincent und sein Team ein paar strenge Blicke auf die Kisten und Flaschen. Jeder Lagerarbeiter wird mindestens ein halbes Jahr lang geschult und kann auch einen gut gefälschten Domaine Romanée Conti erkennen. Selbst die Holzkisten werden einzeln begutachtet. Vorschäden können die Besitzer reparieren lassen, Holzwürmer bekämpft man ungefragt und diskret. Denn eine Plage wäre nicht auszudenken. Das hauseigene Fotostudio macht 8.000 Aufnahmen pro Monat. Auf den hochauflösenden Bildern ist jede noch so kleine Macke im Etikett zu sehen. Kommen Zweifel auf, wird der Kunde informiert, bevor die Flasche in den Bestand wandert. Das gilt auch bei Fälschungsverdacht. Eine Flasche im Octavian soll möglichst über jeden Zweifel erhaben sein. Ihre Kiste bekommt eine Nummer, die sie für immer begleitet, und einen Sticker, auf dem sämtliche Daten gespeichert sind. „Selbst wenn eine Flasche nur kurzzeitig verschoben wird, können wir das im System nachvollziehen“, erklärt IT-Manager John Cording, „und das speichern wir dauerhaft“.

 

Fehlerquote beim Versand: 0,001 Prozent

Auch bei unerwünschten Bewegungen schlägt der Computer Alarm. „Vor allem, wenn sie im Versand an eine falsche Adresse geht“, sagt John und macht eine Kunstpause. „Wenn. Unsere Fehlerquote liegt bei 0,001 Prozent.“ Ein Wein, der im Octavian lagert, steigt zudem im Wert. Auktionshäuser wie Sotheby’s verweisen längst gern auf die noble Adresse. Bei einer Whiskyflasche Macallan Single Malt, die im Octavian lagerte, fiel vor einiger Zeit der Hammer bei umgerechnet 2,2 Millionen Euro.

Doch nicht nur die noblen Auktionshäuser profitieren vom Ruf des alten Bergwerks. Kunden des Octavian können auch untereinander handeln. Für sie hat das einige Vorteile: Der Kunde muss die Flaschen nicht auf Echtheit prüfen lassen, nicht irgendwo abholen oder den Transport organisieren. Zudem ist das Octavian ein Zollfreilager. So sparen die Kunden hohe Steuerbeträge. „In manchen Monaten werden hier Verkäufe im sechsstelligen Bereich abgewickelt, ohne dass die Flaschen den Stollen verlassen”, sagt Vincent mit unbeteiligter Miene. Dabei sind sie gut versichert: „Immer zum Marktwert“, betont der Manager, „nicht zum Kaufpreis“.

Diese Bedingungen mögen auch Investoren, die hier ohne teure Gebühren die Preissprünge nutzen können. „Die meisten Kunden sind aber private Sammler“, betont Vincent. Jetzt müsste die eine oder andere Anekdote über Prominente oder einen bekannten Politiker folgen. Klar, unter den Kunden sind Stars, Monarchen und andere berühmte Persönlichkeiten. Doch deren Namen bleiben in den sicheren Stollen des Octavian. Genau wie der Wein.

 
© Matthias Stelzig

Das Octavian in Wiltshire

  • Zahl der Flaschen: ca. 9 Mio.
  • Gesamtwert: ca. 1,2 Mrd. Euro
  • Durchschnittlicher Wert einer Flasche: ca. 130 Euro
  • Gesamtfläche: ca. 93.000 Quadratmeter
  • Lage: ca. 30 Meter unter der Erde
  • Lagertemperatur: 12-14°C
  • Luftfeuchtigkeit: 80 %
  • Kunden: ca. 10.000
  • Lagerkosten pro Jahr: ab 20 Euro pro 12er-Kiste
  • Mindestmenge: 1 Flasche
  • Durchschnittliche Lagerdauer: 8 Jahre
  • Durchschnittlicher Umschlag pro Jahr: 12 Millionen Flaschen
  • Unternehmensgründung: 1991

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