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Umbrien mausert sich seit einigen Jahren zu einem der innovativsten Weinlaboratorien Italiens: Kaum irgendwo sonst experimentieren junge Erzeuger und moderne Betriebe so unbekümmert mit neuen Methoden und alten Rebsorten. Markus Blaser konnte die Fortschritte in vier Anbaugebieten miterleben.

Zugpferd der umbrischen Emanzipation ist das Konsortium Montefalco unter seinem Begeisterung ausstrahlenden Präsidenten Giampaolo Tabarrini. Dort steht der reinsortige Sagrantino im Mittelpunkt. Bei dieser fast nur hier angebauten Sorte geht es seit jeher darum, das mächtige Tannin im tiefroten und alkoholreichen Wein zu bändigen. Das gelingt inzwischen einer wachsenden Zahl von Winzern immer besser. Vor allem neue Betriebe nutzen die Spielräume des Produktionsreglements (37 Monate Lagerung, davon zwölf im Holz und vier in der Flasche) auf vielfältig kreative Weise.

Im Überblick: Über 300 Weine aus Umbrien in der Verkostung

Sagrantino-Weinberg mit Blick auf Montefalco und den Apennin im Hintergrund

Markus Blaser

Luca di Tomaso ist mit gerade mal 29 Jahren der jüngste Winzer im Bunde. Sein Sagrantino kommt mit 30 Monaten Ausbau in gebrauchten Tonneaux ziemlich strukturiert daher, obwohl Luca keine starke Holzprägung anstrebt und deshalb auch Zementtanks verwendet. Doch nicht überall füllen die verfügbaren Mengen große Fässer wie bei Agricola Mevante von Paolo und Antonella Presciutti. Die Geschwister erzeugen mit 24 Monaten Holzausbau einen ausgewogen klassisch-modernen Sagrantino.

Lediglich 18 Monate verbringt der Sagrantino von Ilaria Cocco im Holz, den Rest in Stahl und ebenfalls in Zement. Ihr gelingt das Kunststück, die Gerbstoffe mit einer knackigen Säure in Schach zu halten, was den Sagrantino geradezu elegant erscheinen lässt. Alle drei Betriebe sind erst im vergangenen Jahrzehnt entstanden und zählen zu den vielversprechenden Newcomern in Montefalco, die Aufmerksamkeit verdienen.

Orvieto: Der Boden macht den Unterschied

Mengenmäßig wesentlich bedeutender als Montefalco ist Orvieto. Mehr als die Hälfte des in Umbrien erzeugten Weins stammt aus diesem Anbaugebiet. Weißweine müssen zumindest zu 60 Prozent aus Grechetto und Trebbiano Toscano, der hier Procanico heißt, bestehen. Maximal 40 Prozent dürfen aus anderen weißen Sorten dazukommen. Angesichts dieser offenen Vorgaben liegt die Identität des Orvieto in seiner Vielfalt, jedenfalls in seiner trockenen Version.

In Zukunft könnten allerdings die vier verschiedenen Bodentypen im Anbaugebiet die Richtung weisen, wie eine vom Orvieto-Konsortium organisierte Verkostung zeigt. Die Unterschiede zwischen den trockenen Orvieto Classico von Vulkan-, Sand-, Lehm- und Schwemmböden sind in der Tat erstaunlich. Sie lassen sich allerdings nicht in allen Weinen leicht ausmachen, weil es sich bei den jungen, betont frischen Orvieto Classico bedeutender Erzeuger um Cuvées handelt.

Dass es dabei an Knowhow und Qualität nicht mangelt, zeigt das Beispiel Cardèto, wie sich die 1949 gegründete Kellereigenossenschaft seit 2005 nennt. Heute werden in modernsten Anlagen die Trauben von rund 500 Hektar der etwa 80 Mitglieder verarbeitet und jährlich drei Millionen Flaschen produziert. Der Orvieto Classico mit der Skyline auf dem Etikett zeigt durchaus eigenen Charakter.

Das gilt auf  andere Weise auch für den Orvieto Classico Superiore „Panata“ von Argillae. Der Name des Weinguts ist Programm, da die Reben hier zumeist auf Lehmböden gedeihen, die dem Wein eine gewisse Struktur verleihen. Deshalb traut sich die junge Giulia Bonollo, die den Betrieb im Besitz der bekannten Grappa-Dynastie seit 2015 leitet, einen kleinen Teil des Grechetto für ihren Spitzen-Orvieto im Holz zu vergären, wodurch sich der Wein von anderen Orvieto besonders unterscheidet.

Fast eine Antithese dazu ist der Orvieto Classico Superiore „L’Escluso“ von Lapone aus dem Stahltank. Die Feuersteinnote weist für die Winzer auf das vulkanische Gestein hin, auf dem die Weinberge stehen. Lange lieferten Piero und Ramona Cantarelli ihre Trauben einer großen Kellerei, erst seit gut zehn Jahren vinifizieren sie selbst.

Der „falsche“ Gamay vom Trasimeno

Im Vergleich zu Orvieto ist das Anbaugebiet um den Trasimenischen See ein Zwerg. Etwa zehnmal weniger Wein erzeugen die lediglich 15 Kellereien des Trasimeno-Konsortiums, das erstmals zu einer Präsentation ihres Schatzes geladen hatte: den Gamay. Tatsächlich handelt es sich um die Rebsorte Grenache, die spätestens im 19. Jahrhundert hier angekommen ist und ursprünglich nach französischer Art als Bäumchen (Alberello) erzogen wurde.

Der Trasimeno Gamay zeigt sich auch als Rosé in vielen Facetten

Markus Blaser

Das soll zur Namensverwechslung geführt haben, an der man bei der Aufnahme der Sorte ins nationale Register 1970 gleichwohl festhielt. Deshalb entstehen ausschließlich am Lago di Trasimeno Gamay, die anders als ihre sardischen Brüder des Cannonau - wie der Grenache dort heißt -, nicht extrem dunkel und schwer, sondern eher rubinrot und elegant daherkommen. Mit seiner gewissen Komplexität ist der Trasimeno Gamay ein ernsthafter Rotwein, dem man so vor zehn Jahren noch kaum begegnet wäre.

Bis vor Kurzem stand der Gamay nämlich vor seinem Verschwinden, vor dem ihn die Kellereigenossenschaft Duca della Corgna durch reinsortige Erzeugung bewahrt hat. Ihr Trasimeno Gamay Divina Villa (weißes Etikett) aus dem Stahltank darf mit seiner rotbeerigen Frische durchaus als Maßstab gelten, an dem sich andere Winzer orientieren – auch um sich davon abzusetzen. So setzt Nicola Chiucchiurlotto von Madrevite seit seinen ersten Experimenten 2008 ebenfalls auf Reinsortigkeit bei all seinen Weinen, zieht aber oft Zement dem Stahltank vor. Sein Gamay Opra ist vergleichsweise dunkel, blaubeerfruchtig und dennoch frisch und leicht.

Von dunklem Kirschrot ist der Gamay E-trusco von Coldibetto aus dem Stahltank, der nach eingelegten Weichseln duftet und durch knackiges Tannin beeindruckt. Mit dem Biowein hat der junge Raffaele Chierico beim internationalen Wettbewerb Grenaches du Monde 2021 gleich eine Goldmedaille abgeräumt. Dabei hat der 27-Jährige seine Berufung für den Weinbau erst nach Missions- und Sprachaufenthalten in Bolivien und England entdeckt, bevor er 2016 die Leitung des Familienbetriebs übernommen hat.

Torgiano: Vom Einfluss großer und kleiner Hölzer

Torgiano galt lange als Synonym für Lungarotti. Dank Giorgio Lungarotti, dem Doyen des bekannten Weinhauses, ist das kleine Anbaugebiet südlich von Perugia schon 1968 als eine der ersten kontrollierten Ursprungsbezeichnungen Italiens anerkannt worden. Vielen dürfte jedoch der Weinname Rubesco geläufiger sein, bei dem die Töchter Chiara und Teresa nach Giorgios Tod um die Jahrtausendwende behutsam Veränderungen vorgenommen haben: Der Sangiovese wird seither mit Colorino statt Canaiolo vermählt, der einjährige Ausbau im großen Holzfass beibehalten. Der damaligen Barrique-Begeisterung widerstanden zu haben, zahlt sich heute aus: Der Rubesco ist moderner geworden und mit seiner Ausgewogenheit zwischen frischer Frucht und feinem Tannin doch ein klassischer Essensbegleiter geblieben.

Erstaunlich vielseitige Produktion im kleinen Anbaugebiet Torgiano

Markus Blaser

Außer Lungarotti widmen sich seit einigen Jahren drei weitere Betriebe neben der Traubenproduktion auch der Weinerzeugung. Die erfreuliche umbrische Dynamik hat also auch das kleine Torgiano-Konsortium erfasst. So hat der Rubesco inzwischen Konkurrenz bekommen, die sich ziemlich deutlich von ihm abhebt.

Dass die Weine bei Terre Margaritelli vorwiegend im kleinen Holzfass ausgebaut werden, liegt wohl in der DNA der Familie. Sie stellt seit Jahrzehnten Eisenbahnschwellen und Parkett her, unter anderem im Burgund. Dort entstand eine Zusammenarbeit mit einigen der renommiertesten Küfereien Frankreichs. Die Barriques aus Eichen des Bertranges-Waldes verleihen dem Miràntico aus Sangiovese, Malbec und Canaiolo vor allem Konzentration, Struktur und Kraft.

Das kleine Holz kommt auch bei Tenute Baldo zum Einsatz und fördert beim Auravitae aus Sangiovese, Merlot und Cabernet Sauvignon gleichzeitig intensive Waldbeerenfrucht und knackig-körniges Tannin zu Tage. Solche Torgiano wenden sich an ein Publikum, das ebenso neugierig und jung ist wie das Team um Mattia Casini. Es hat den Betrieb erst Ende 2018 übernommen und strotzt voller Experimentierfreude.

Wie Lungarotti verfügt Tenute Baldo auch über Weinberge in Montefalco – und damit schließt sich der Kreis: Der fruchtbetonte Sagrantino der Neulinge stellt eine innovative Alternative zum strukturierten Sagrantino des Traditionshauses dar. Der damit so entstehende Wettbewerb um zeitgemäßen Weinstil und zeitlose Weinphilosophie tut nicht nur der Weinszene Umbriens gut. Sondern der in ganz Italien.

 

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