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Erstklassigen Spätburgunder zu produzieren, gehört zu den Königsdisziplinen im Weinbau. Kaum eine Sorte ist schneller ihrer originären Vorzüge beraubt, nirgends hat der Weg an die Spitze so viele Falltüren. Die großen Pinots dieser Welt sind eine einmalige Verbindung aus Substanz und Eleganz, Dichte und Leichtfüßigkeit, Konzentration, Vielschichtigkeit, Tiefe, Finesse und Spannung. Und irgendwas bleibt beim Versuch, dieses Ideal zu erreichen, am Ende doch fast immer auf der Strecke.
©Doris Schneider JKI

Dazu kommt, dass Spätburgunder, der wirklich nach Spätburgunder schmeckt, vielen Rotwein-Freunden nicht gefällt. Er ist ihnen meist zu hell und zu “leise” im Auftreten, wird oft genug gerade dann als dünn empfunden, wenn er am feinsten ist. Um so erstaunlicher ist, wie viele Produzenten vor allem im deutschsprachigen Raum sich des Themas annehmen. Einen guten Pinot Noir im Programm zu haben, ist offensichtlich auch eine Sache des Prestiges.

Wir haben uns in den vergangenen Monaten intensiv mit den roten Burgunder-Weinen aus Deutschland, Österreich und Südtirol beschäftigt. Das Elsass ließen wir vor allem deshalb außen vor, weil wir hier für dieses Jahr eine größere Verkostung planen. Die schweizer Produzenten waren eingeladen, doch wohl hauptsächlich aufgrund der schwierigen Versandbedingungen aus dem Nicht-EU-Land war das Probenaufkommen so minimal, dass wir die wenigen probierten Weine hier nur außer Konkurrenz erwähnen können. Einen aussagekräftigen Blick auf dieses äußerst spannende Pinot-Herkunftsland lassen sie nicht zu.

Der Vergleich zwischen Deutschland auf der einen und Österreich und Südtirol auf der anderen Seite wiederum ist vielleicht nicht ganz fair. In vielen deutschen Betrieben ist der Spätburgunder eine der zwei oder drei Hauptsorten, bisweilen sogar die mit Abstand wichtigste Sorte im Programm. Von der Basis über Ortsweine bis zu mehreren Einzellagen werden oft viele verschiedene Etiketten in allen Qualitätsstufen gefüllt. So können für die Spitzenweine ausschließlich die allerbesten Partien reserviert werden, während man an der Basis unprätentiöse und doch feine Alltagsweine erzeugen kann, solange ihr zwar geringeres, aber eben doch vorhandenes Potenzial nicht durch zu viel - oder auch zu wenig - Ambition ruiniert wird. Das Ergebnis spricht für sich: in keinem Land der Welt wird schon in Preisregionen deutlich unter 20 Euro so viel guter, authentischer Spätburgunder erzeugt wie in Deutschland. Gleichzeitig dürften zumindest in der Europäischen Union die Spitzenweine dem Qualitäts-Ideal der besten Burgunder so nahe kommen, wie nirgends sonst (die Schweiz wäre da, wie gesagt, noch ein aussichtsreicher Kandidat). Man lasse sich nur nicht dazu verführen, die Situation zu idealisieren, denn auf der anderen Seite werden in Deutschland auch reichlich Spätburgunder produziert, die dem Ruf der Sorte nicht gerade den besten Dienst erweisen. Sie sind mal dünn und nichtssagend, bisweilen süß und manchmal unklar, dann wieder überladen, prätentiös, laut, breit, alkoholisch und/oder überholzt. Vielen Weinen fehlt es bei guter Qualität auch nur noch ein wenig an echter Substanz und Tiefe für höhere Weihen (und gutes Entwicklungspotenzial); bei anderen Weinen wiederum hat man den Eindruck, ihre Macher wollten um jeden Preis vermeiden, dass ihr Spätburgunder nach Spätburgunder schmeckt. Manche sind für das, was sie können, geradezu absurd teuer. Es gilt also, sorgfältig auszuwählen. Da die schiere Menge an gelungenen Weinen aber stetig und schnell wächst, wird auch der pingeligste Weinfreund immer fündig.

In Österreich und Südtirol ist die Situation eine völlig andere. Pinot Noir ist in beiden Ländern für viele Produzenten zweifellos ein Prestigeprojekt, aber in den meisten Fällen eher eines für die Nische - in Österreich vielleicht noch öfter als in Südtirol. Kaum ein Produzent hat mehr als zwei rote Burgunder im Programm, auf denen alle Ambitionen liegen; ein echtes Basisprodukt existiert oft gar nicht.

©DWI

Dazu kommen völlig andere klimatische Bedingungen in Österreich und Norditalien. Südtirol wird oft als kühle Bergregion wahrgenommen, dabei liegen viele Weinberge gar nicht so hoch, wie man vermuten mag, zweitens hat das Mittelmeerklima auch in Bozen und Meran noch erheblichen Einfluss. Zwar profitieren die Winzer in Südtirol vor allem im Herbst von kühlen Nächten, dafür jedoch schreitet die Reife in Frühjahr und Sommer schnell voran, so dass sie höllisch aufpassen müssen, dass ihnen die Zuckergrade nicht schon vor dem Herbst durch die Decke gehen. Wir haben den Eindruck, dass das vielen Produzenten immer besser gelingt. Offenbar hat gerade der immer offensichtlicher werdende Klimawandel für ein Umdenken auf breiter Front gesorgt: viele Weine sind heute frischer, feiner und präziser als noch vor wenigen Jahren. Wir ertappen uns heute regelmäßig dabei, die Südtiroler Blauburgunder mit großem Vergnügen zu verkosten.

In Österreich stehen viele Weingebiete unter dem Einfluss des warmen pannonischen Klimas; der ist zwar im Carnuntum, in der Thermenregion und im Burgenland besonders ausgeprägt (wobei der Neusiedlersee das Klima noch einmal in besonderer Weise beeinflusst), reicht aber auch über Wien hinaus in die westlichen Anbaugebiete Niederösterreichs. Im Ergebnis sind die Weine hier häufig warm und kräftig, wobei man bisweilen den Eindruck hat, dass manche Winzer hier noch ganz bewusst auf besonders hohe Traubenreife abzielen. Ein eher oxidativer Ausbau lässt viele Weine eher noch breiter wirken. Der Versuch, diesen Pinots mit beherztem Holzeinsatz mehr Rückgrat zu verleihen, ist nicht immer die beste Idee. Doch auch hier sind mehr und mehr Winzer dabei, ihren Weinen mehr Frische und Präzision mitzugeben - mit wachsendem Erfolg. Einigen Produzenten gelingen hochklassige Pinot Noir ganz eigenen, unverwechselbaren Stils: eindeutig Kinder ihres Klimas und zugleich mit Finessen und Tiefe. Auch in Österreich finden sich zudem günstige und dabei ganz ausgezeichnet bereitete Basisweine, die mitunter wesentlich mehr wert sind als sie kosten. Interessant wird sein, die Entwicklung in der Steiermark zu beobachten. Das Gebiet beginnt gerade erst richtig, den Blauburgunder für sich zu entdecken, aber die Bedingungen scheinen mancherorts ideal zu sein.

In der Schweiz wiederum entstehen bei einigen Spezialisten außerordentliche Pinots ganz eigener Prägung, die jede Aufmerksamkeit verdienen. Leider können die wenigen Proben, die uns erreichten, die Situation nicht im Entferntesten abbilden, so gut einige der vorgestellten Weine auch sind. Wir bleiben an dem Thema aber dran.

Insgesamt haben wir in den letzten Monaten weit über 500 Pinot Noir aus deutschsprachigen Anbaugebieten probiert, von denen wir die besten hier nach Ländern sortiert vorstellen. Eine Extrakategorie haben wir für die besonders guten Weine bis 15 Euro eingerichtet. Links zu allen Weinen und ihren Produzenten sowie den ausführlichen Verkostungsnotizen befinden sich jeweils am Ende der Listen.

 

Im Fokus: Spätburgunder aus deutschsprachigen Anbaugebieten Deutschland