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Drei Freunde – ein Weinsammler, ein Weinkritiker und ein Weinhändler – werden in dem alten Luftschutzbunker eingesperrt, in dem der Erstgenannte etliche tausend Flaschen lagert und der sich auf dem Grundstück von dessen abgelegenem Haus befindet. Für die drei sieht es nach einem Zufall aus, doch in Wahrheit hat ein ehemaliger Arbeitskollege des Sammlers seine Finger im Spiel. Die drei Weinliebhaber sind gefangen mit den besten und teuersten Weinen der Welt und müssen mindestens eine Woche ausharren, bevor die Chance besteht, dass sie befreit werden – von der Putzfrau, die die Alarmanlage abstellen und damit die elektronische Sicherung der Bunkertür aufheben kann. Es gibt hinter Stahlbetonwänden unter der Erde keinen Handyempfang und keine Kommunikationsmöglichkeit nach außen, und alle Befreiungsversuche der Eingeschlossenen scheitern.

So haben die drei Hauptpersonen im Bunker viel Zeit – zum Nachdenken, zum Reden und auch zum Verkosten und Trinken. Eine Grundausstattung mit Verpflegung und Sanitäreinrichtungen ist glücklicher Weise erst einmal gesichert, und die Gespräche der drei drehen sich unter anderem um die Motive des Weinsammelns, den Sinn und Wert von Weinkritiken und natürlich um Wein selbst: Herkünfte, Jahrgänge, persönliche Erinnerungen.

Ein Kammerspiel auf zwei Ebenen

 

Rotwein oder Blut? Ein flüchtiger Blick auf den Buchtitel lässt verschiedene Assoziationen zu... (Bild: Cocon-Verlag)

Die Zahl der Personen im Buch ist insgesamt überschaubar, und zu den drei Protagonisten stellt Autor Uwe Kauss insofern eine gewisse Nähe her, als er sie nach der einmaligen Einführung nur noch beim Vornamen nennt. Etwas mehr erzählerische Distanz wahrt er zu ihrem "Kerkermeister", dessen Beweggründe sich erst allmählich erschließen (und bis klar ist, ob sie tatsächlich berechtigt sind, dauert es fast 200 Seiten). Am Ende erscheint jedoch sogar er als die eigentliche Hauptfigur des Buchs. Kauss entwirft zwei parallele Handlungsstränge, die einander mehrfach im Laufe der Geschichte kreuzen: einerseits die drei Gefangenen im Weinkeller und andererseits derjenige, der sie in der Hand hat, und seine Familie. Gegliedert ist das Buch nach Tagen – vom ersten Tag im "Weingefängnis" bis zum letzten (wie viele es sind, sei hier nicht verraten).

Kauss geht im Laufe der fast 300 Textseiten immer tiefer in die Psychologie seiner Akteure hinein; der Leser erfährt immer mehr von der gemeinsamen Vorgeschichte und auch über die Vergangenheit der einzelnen Personen, bis zur – wie es sich für einen guten Roman gehört – überraschenden Auflösung. Die im übrigen fördert neben dem Sammeln, Beurteilen und Handeln noch eine weitere Dimension der professionellen Beschäftigung mit Wein zutage. Mit zunehmender Dramatik gerät das Geschehen im Keller zum Kammerspiel nach dem Vorbild eines Francis Durbridge, und schließlich geht es um existenzielle Fragen. So ist der zuerst vielleicht etwas anmaßend und theatralisch wirkende Titel "Wein oder nicht sein" wahrhaftig gut gewählt; in wievielfacher Hinsicht er zutrifft, offenbart sich erst nach der Lektüre.

"Ein intelligent verwobener, fesselnd erzählter Roman über Obsession und Wein, Schuld und Schulden, Männer und Freundschaft sowie über den feinen Unterschied in unserer Gesellschaft", verspricht das Buchcover. Dieser Ankündigung ist uneingeschränkt zuzustimmen. "Wein oder nicht sein" ist ein kurzweiliger, kenntnisreich und pointiert geschriebener Weinkrimi über ein Verbrechen, das vielleicht gar keines ist und dessen Bewertung am Schluss dem Leser überlassen bleibt. Die Figuren sind scharf gezeichnet, und wer sich in der Weinbranche bewegt, erkennt in den Darstellern Charaktere wieder, wie sie ihm in der realen Weinwelt so oder so ähnlich vielfach begegnen. Insofern wirft Uwe Kauss gewissermaßen einen augenzwinkernden, aber auch durchaus mahnenden Blick auf die Weinszene.

Krimi oder nicht?

 

Autor Uwe Kauss ist es als Journalist gewohnt% den Dingen auf den Grund zu gehen. Er lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. (Foto: U. Kauss)

Der Autor selbst sieht sein Buch dabei gar nicht als Krimi. “Ich habe einen Roman geschrieben, eine spannende Geschichte, aber keinen Krimi im klassischen Sinn mit der klaren Unterscheidung zwischen Gut und Böse”, sagt er. Zwar gehe es letztlich um das Thema Gerechtigkeit, doch erstens werde das nicht ganz aufgelöst, und zweitens gehe es vielmehr um die Menschen, um ihr Verhältnis zueinander und auch ihre Beziehung zum Wein. Den Schluss bezeichnet Kauss als "ironisches Happy-End", und dass offen bleibt, wie die Personen mit dem Erlebten umgehen werden, sei gewollt.

Sechs Jahre vergingen von der ersten Idee für das Buch bis zu seinem Erscheinen. In diesen sechs Jahren hat Kauss, wie er erzählt, mehrere Versionen der Handlung entworfen und immer wieder geändert, doch der Ablauf sei jeweils stets bis zum Ende durchkonzipiert gewesen. “Dass man sich als Schriftsteller hinsetzt – womöglich noch mit einem Glas Wein – und einem dann die Geschichte einfach so in die Feder bzw. heute die Tastatur fließt, dass die Handlung also gewissermaßen erst während des Schreibens entsteht, halte ich für ein Gerücht”, stellt Kauss klar. “Das Buch war harte Arbeit.”

Wie aber kam er auf das Thema? “Die Idee entstand bei einer Verkostung hochkarätiger Weine in einem renommierten Restaurant in Österreich. Dort gibt es einen Großflaschenkeller, der teilweise in einem alten Atomschutzbunker liegt. In diesem Bunker stand ich mal für einige Minuten ganz alleine, und das war schon ein eigenwilliges Gefühl: die Betontreppe, die gemauerten Gänge, die Luftschleuse, die schwere Stahltür...” Damals habe er sich gedacht: “Das ist doch mal ein Ort für eine Handlung!”

Zunächst sei das vage und ungerichtet gewesen – “ein fesselnder Gedanke, aber unreflektiert”. Er habe sich dann überlegt, wie Menschen, die jeden Tag nur über Wein redeten, sich wohl verhalten würden, wenn sie einmal nur sich selbst und den Wein hätten, “ohne die Repräsentation in der Gesellschaft”, berichtet Kauss. Wein sei ein Instrument, über das Menschen sich in der bürgerlichen Gesellschaft positionierten, ein Symbol für Wohlstand und Status, ein Mythos. “Wein stellt etwas dar, und es wird mit ihm etwas dargestellt. Ich wollte diesen Mythos Wein dekonstruieren und der Frage nachgehen, was passiert, wenn man Menschen aus der Welt nimmt und einsperrt, so dass sie nur auf sich selbst und die anderen zurückgeworfen sind. Wie verändert sich unter diesen Umständen ihr Verhältnis zum Wein?” Ingmar Bergman nennt Kauss für diesen Ansatz als Vorbild.

Wein als Bühne, Status und Welt

 

Buch und Autor kann man auch bei Lesungen kennenlernen – vorzugsweise auf einem Weingut. (Foto: U. Kauss)

In einem Notizbuch habe er "erst mal seitenweise rumgebastelt". Im Laufe der Zeit hätten die Figuren immer mehr Gestalt angenommen, und inzwischen kenne er sie in- und auswändig. Sie seien komplette Persönlichkeiten mit jeweils einer individuellen Historie, die sich in der Handlung des Buchs niederschlage: der Weinkritiker, für den der Wein eine Bühne sei; der Weinhändler, für den Wein Geld und Status bedeute; und der Weinsammler, der die Welt überhaupt nur durch den Wein kenne. Und schließlich der ehemalige Arbeitskollege des Sammlers, der erstmals im Leben seinen eigenen Weg gehe, eine Entscheidung treffe und sie umsetzen müsse. Sie alle seien fiktiv, aber lebensnah und aus dem Alltag gegriffen. "Man könnte diese Leute kennen, auch wenn sie keinen realen Bezug haben", meint Kauss.

Wichtig ist ihm, dass es in seinem Roman zwei Ebenen gibt: die eine unter der Erde, in der sich alles um den Wein dreht, und die andere über der Erde, die mit Wein nichts zu tun hat. Das spiegele in gewisser Weise auch ein Spannungsverhältnis in der Gesellschaft wider. Das Buch ist Kauss' erstes Werk dieser Art: "Seit 25 Jahren lebe ich vom Schreiben, und zum ersten Mal habe ich mir keine Gedanken über Zielgruppen gemacht, sondern nur meine eigene Geschichte geschrieben." Einen Verlag fand er im Hanauer Cocon-Verlag, wo man Kauss als Sachbuchautor kannte und von seiner ersten belletristischen Arbeit sehr angetan war.

Der Buchtitel zeigt einen Korken und Rotweinflecken auf einer Holzplatte, vermutlich auf einem Tisch (wie er auch in der Geschichte eine Rolle spielt). Kauss offenbart, dass dieses Accessoire von einem 1988er Château Haut-Brion gewesen sei, den er selbst getrunken habe. Überhaupt: Wie kam er an die sensorischen Eindrücke von den zahlreichen wertvollen und seltenen Weinen, die im Buch beschrieben sind? "Nun, einige Weine habe ich tatsächlich selbst probiert", lächelt Kauss, "aber bei den anderen haben mir die umfangreichen Verkostungsnotizen eines Weinsammlers geholfen, mit dem ich befreundet bin."

"Wein oder nicht sein" ist ein Roman, der tief in die Weinwelt hineinführt, ohne Laien zu überfordern. Dafür gibt es nicht zuletzt – auf Anregung des Verlags – am Ende des Buchs ein Glossar, das wichtige Begriffe und auch die vielen exquisiten Weine erklärt. "Kann man mal machen" ist ein Lieblingsausspruch des Weinsammlers in der Geschichte. In Abwandlung dessen wäre "Kann man mal lesen" als Kommentar für das Buch allerdings zu schwach: Man sollte es sogar lesen – um sich gut unterhalten zu lassen und dabei noch eine Menge über Wein und Menschen zu lernen.

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