Steht „Alte Reben“ auf dem Etikett, erwarten Weinfans einen besonderen Wein. Oft stimmt das. Doch Vorsicht: Die Rebstöcke müssen weder alt sein, noch ist jeder so bezeichnete Wein hochwertig, berichtet Matthias Stelzig.
„Alte Reben“, das klingt nach Familienweingut, Tradition und Nachhaltigkeit, nach Tiefe und Komplexität. Der Schriftzug auf dem Etikett lässt einen außergewöhnlichen Wein erwarten. Außerdem sticht er für weniger kundige Weinfreunde angenehm aus dem Etiketten-Chinesisch zwischen amtlicher Prüfnummer, Lagenname, Bio-Zertifizierung und Rebsorten-Angaben heraus. Was die Aussage „Alte Reben“ bedeutet, scheint auf den ersten Blick klar – sie ist es aber nicht.
Eine Untersuchung der California State University hat gezeigt, dass Weine mit dem Hinweis „Alte Reben“ tendenziell höhere Preise erzielen – obwohl die objektiven Qualitätsunterschiede mitunter nur sehr klein sind. Und es gibt bislang keine juristische Definition, was er bedeutet.
Die ältesten Riesling-Rebstöcke in der Mosel-Lage Wehlener Sonnenuhr stammen aus dem Jahr 1897. Sie stehen noch immer im Ertrag.
Uwe KaussAus deutscher und französischer Sicht etwa liefert das Zeitfenster von 30 bis 50 Jahre alten Reben sehr gute Ergebnisse in der Weinqualität, bevor es danach im Durchschnitt wieder bergab geht. Für die „Historical Vineyard Society“ zählt dagegen in Kalifornien mit seinem – zumindest bis vor dem Klimawandel – ausgeglichenen Klima ein Rebstock unter 50 Jahren nicht als alt, weil die Stöcke noch Jahrzehnte vor sich haben können.
Die Internationale Organisation für Rebe und Wein hat daher 2024 eine umfassende Empfehlung zur rechtssicheren Erfassung alter Weinberge gegeben. Der Verwaltungsaufwand dafür wäre allerdings gigantisch. Als Initiative zur Erhaltung hat der Blogger Alder Yarrow die kostenfreie Datenbank „Old Vine Registry“ als weltweite Meldestelle ins Netz gestellt, die inzwischen über 10.000 Einträge mindestens 35 Jahre alter Weinberge enthält.
Der älteste noch im Ertrag stehende Weinberg der Welt befindet sich in Rhodt in der Pfalz. Die Rebstöcke in der Lage Rosengarten wurden nachweislich vor über 400 Jahren gepflanzt. Aus ihnen wird noch immer Wein produziert.
Uwe KaussDennoch kann heute auf jedem beliebigen Etikett „Alte Reben“ stehen – egal, wie alt die Stöcke sind. Alte Reben produzieren auch nicht automatisch bessere Weine. Das gilt vor allem bei schlechtem Genmaterial der Stöcke sowie bei Rebsorten begrenzter Qualität, die zudem oft nachlässig im Weinberg bearbeitet werden. Ein Massenträger in einer schlechten Lage, deren Bodenbiologie mit viel Spritzmittel und schweren Maschinen zum Erliegen gekommen ist, liefert keinen guten Most – egal, wie alt die Stöcke sind. Wenn der zudem aus zu hohen Erträgen stammt und mit Chemie im Keller optimiert wurde, erst recht nicht.
Wird der Weinberg aber optimal gepflegt, entwickeln sich im Lauf der Jahre viele Vorteile für die Winzer: An guten Standorten wurzeln alte Reben tief, erreichen viele komplexe Bodenschichten und Mikronährstoffe und sind weniger wüchsig. Das Verhältnis von Laub zu Früchten ist günstig. Winzer beobachten im Lauf der Jahre sinkende Zuckerwerte und Erträge, die Reifephase verlängert sich, Beeren bleiben kleiner, die Extrakte steigen. Die Weine werden so leichter, mineralischer, komplexer, im besten Fall bilden sie einen starken Terroir-Ausdruck ab, dazu kommen mehr Finesse, Balance und Tiefe.
Der Rebstock selbst wird widerstandsfähiger gegen Stressfaktoren, besonders gegen Trockenheit, was in manchen Regionen das Überleben der Winzer sichert und in anderen Anbaugebieten für gleichmäßigen Ertrag sorgt.
Doch selbst dieser Erfahrungsschatz ist wissenschaftlich nicht zu beweisen. „So wertvoll diese Eigenschaften sind“, erläutert Hubert Konrad das Problem, „so wenig sind sie statistisch belegbar.“ Der frühere technische Betriebsleiter des Instituts für Rebenzüchtung hat 45 Jahre lang im Versuchsanbau der Hochschule Geisenheim gearbeitet. Es gebe kaum Studien zu alten Reben, sagt er und hebt die Schultern. Die kalifornische Untersuchung kam – nicht überraschend – zum Ergebnis, dass 40 bis 60 Jahre alte Zinfandel-Reben komplexere Aromenprofile ausprägen als fünf bis zwölf Jahre alte. Größere aromatische Komplexität, reichhaltigere Phenolstruktur und deutlichere Ausdrucksformen des Terroirs ermittelte auch eine Studie der Universität von Zaragoza in Grenache-Weinen von alten Reben in Campo de Borja. Doch eine Untersuchung der Hochschule Geisenheim von Riesling-Stöcken ergab das Gegenteil: Die Reben, gepflanzt 1971, 1995 und 2012 in einer Anlage unter identischen Boden- und Bewirtschaftungsbedingungen, „förderten keinerlei signifikanten Unterschiede in Most- und Weinprofilen zutage”, berichtet Hubert Konrad.
Das hat auch Familie Rings vom Pfälzer VDP-Weingut Rings***** in Freinsheim erlebt: „Kein Verkoster hat auf junge Reben getippt, als sie 2013 die ersten Spätburgunder vom ‚Felsenstein‘ probierten“, erinnert sich Simone Rings. Die burgundischen Pinot-Noir-Klone im pfälzischen Leistadt waren erst drei Jahre alt – und der Weinberg hatte zudem Jahrzehnte lang brach gelegen. Doch die Kritiker waren hellauf begeistert. „Mit der passenden Unterlage und dem Terroir geht das”, sagt die Winzerin und lächelt. Schon zwei Jahre später, die Pinot-Stöcke waren jetzt fünf Jahre alt, klassifizierte der VDP die Rings-Monopollage mit Kalksteinmauer als „Große Lage”. Das bedeutet aber nicht, dass Familie Rings nichts von alten Reben hielte: 2023 zeigten sie erstmals ihren „Vieilles Vignes Chardonnay“ aus zwei Parzellen von 1991 – dem Jahr, in dem Chardonnay-Pflanzungen in Deutschland offiziell erlaubt wurden.
Alte Rebstöcke erzählen Geschichten vom Boden, von der Hanglage und der Arbeit der Winzer, die sich oft selbst in der Arbeit von Generationen verwurzelt und den Weinberg als Kulturgut sehen. Doch kaum ein Guide, kaum eine Weinkarte führt „Alte Reben“ als Kategorie. Nur Südafrika hat einen offiziellen Sticker für Weine aus alten Weinbergen zugelassen. Unter dem damaligen Staatsmonopol wurden dort ab 1920 alle Pflanzungen erfasst.
Laut einer Studie unter südafrikanischen Weinkäufern hält aber nicht einmal die Hälfte von ihnen den Hinweis für einen wichtigen Qualitätsindikator – und das ist weniger als der Hinweis zur Weinguts-Abfüllung. Ähnliche Ergebnisse brachte auch eine Umfrage der Website „Wine Opinions“: Nur 34 Prozent stimmten für „old vines” als Qualitätsmerkmal. Der Zusatz „historic vineyard“ erhielt ironischerweise 45 Prozent. Passend dazu stellten kalifornische Verbandsfunktionäre kürzlich auf der Old Vine Conference fest, dass selbst interessierte Weinfans im Weinberg knorrige, 100 Jahre alte Reben nicht von jungen Pflanzen am Drahtrahmen unterscheiden könnten.
Würden Verbraucher höhere Preise akzeptieren, wenn sie es besser wüssten? „Der Unterschied zum kleineren Wein muss jedenfalls schmeckbar sein“, erklärt Simone Rings. „Alte Reben“ für zehn Euro pro Flasche hält sie „wahrscheinlich für einen Marketing-Gag“. Winzer könnten über ihre alten Reben meist genau die Geschichten erzählen, die Marketingprofis so gerne texten – sogar schon auf dem Rückenetikett: Wie ist das Durchschnittsalter der Reben? Wo stehen sie? Sind noch ein paar wurzelechte Exemplare darunter? Wie ist der Wein gemacht?
Neben der kulturellen und historischen Bedeutung, die Genießern keinen Vorteil im Glas bringt, liegt hier der wahre Mehrwert: Sensorisch spielen Weine von präzise bewirtschafteten alten Reben eine Liga über den meisten Pendants. Dazu müssen sie nicht mal in einer „Großen Lage“ nach VDP-Kriterien stehen oder schon Jahrzehnte alt sein. Der VDP-Winzer Roman Niewodniczanski sammelt für sein Saar-Weingut Van Volxem seit vielen Jahren alte Lagen ein – zuletzt den Saarburger Laurentiusberg. „Ich bin extrem glücklich“, sagt er und seine Begeisterung ist am Telefon spürbar. „Die Parzelle wurde nachweislich 1858 angelegt, bevor der erste Traktor fuhr, bevor die erste Glühbirne brannte“, berichtet er. „Die Stöcke sind dünn und knorrig, die Beeren extrem klein.“ Sie ergeben mit niedrigen Erträgen extrem hohe Extraktwerte. Kein Wunder, dass sein Name oft fällt, wenn es um alte Reben geht. Auch der Experte Hubert Konrad ist ein Fan des Laurentiusbergs. Er kennt ihn „in- und auswendig“, weil er dort lange Zeit selbst Klonmaterial aufgespürt hat, das heute in der Forschungsanstalt Geisenheim für ein Gen-Ressourcen-Projekt vermehrt wird. Eine passendere Geschichte könnte auch die beste Werbeagentur nicht erfinden.