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Gaia Gaja leitet mit ihren zwei Geschwistern das berühmte Weingut Gaja in Barbaresco. Im Interview spricht sie über Tradition und Antikonformismus, veränderten Konsum und neue Projekte.

Raffaella Usai
Weinjournalistin mit Leidenschaft für Italien, Reisen und Genuss

Gaia Gaja leitet gemeinsam mit ihren Geschwistern Rossana und Giovanni das Weingut Gaja in Barbaresco. Der 1859 gegründete Betrieb erlangte unter ihrem Vater Angelo weltweite Berühmtheit und wurde später um Weingüter in Montalcino, Bolgheri und am Ätna erweitert. Seit 2004 ist Gaia im Weingut tätig, früh übernahm sie die Rolle der internationalen Botschafterin. Stilistisch setzt sie auf Eleganz, Spannung und aromatische Präzision. Damit führt sie die Vision ihres Vaters fort und schreibt zugleich das nächste Kapitel einer der bedeutendsten Winzerfamilien Italiens.

Gaia, Giovanni und Rossana Gaja führen die Arbeit ihres Vaters Angelo fort

Luca Fumero

Du bist eine der einflussreichsten Frauen in der italienischen Weinwelt. Wie ist es dir gelungen, aus dem Schatten deines berühmten Vaters Angelo herauszutreten?

Gaia Gaja (hält kurz inne): Wenn ich ehrlich bin, stehe ich noch immer sehr in seinem Schatten. Das Weingut Gaja wird seit 1961 mit seiner starken Persönlichkeit verknüpft. Als wir zu dritt die Leitung von ihm übernommen haben, war das ein großer Einschnitt. Vorher hat er alles allein entschieden, nun kommunizieren wir als Familie. Da ich vor rund 20 Jahren als Erste ins Weingut eingestiegen bin, sehen viele in mir seine Nachfolgerin. Doch meine Schwester Rossana und mein Bruder Giovanni sind genauso aktiv im Unternehmen, wir treffen alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam.

Hat sich euer Vater ganz zurückgezogen oder gibt er immer noch Ratschläge?

Gaia Gaja: Wir diskutieren viel und mein Vater hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Aber seine Vorschläge sind immer so antikonformistisch, dass alle anderen erstmal zusammenschrecken. (lacht) Also streiten wir mit ihm, erkennen später aber oft, dass seine scheinbar absurden Ideen funktionieren. Das ist für mich manchmal frustrierend, weil er Dinge und Möglichkeiten in Betracht zieht, die ich nicht auf Anhieb sehe.

Das heißt, er ist immer noch visionär?

Gaia Gaja: Absolut. Auch wenn er nicht mehr in der Welt herumreist und den Vertrieb daher nicht hautnah erlebt, besitzt er ein großes unternehmerisches Gespür, das oft von Nutzen ist. Ebenso im Weinberg: Mit seiner Erfahrung hat er vergangenes Jahr die Ernte mehr oder weniger gerettet. 2024 war kalt und feucht, es hat ständig geregnet, die Trauben reiften nicht richtig aus. Er hat uns zu mehrfachem Ausdünnen gedrängt und am Ende recht behalten.

Du wirkst eher wie eine Traditionalistin als eine Antikonformistin. Trügt der Schein?

Gaia Gaja: Vielleicht bin ich etwas konservativer als mein Vater, aber er hat uns allen immer klar gemacht, wie wichtig es ist, den Mainstream zu verlassen und Weinbau anders zu denken. Wenn man die Zukunft gestalten will, muss man Klischees und festgefahrene Traditionen über Bord werfen. Anders gesagt: Man muss etwas verrückt sein.

Über welches Thema habt ihr als Vater und Tochter am meisten diskutiert?

Gaia Gaja: Beispielsweise ob wir auf biodynamischen Weinbau umstellen oder nicht. Ich war dafür, er dagegen. Doch am Ende habe ich eingesehen, dass wir uns keinem vorgefertigten Protokoll oder einer Philosophie unterwerfen sollten. Der Weinbau an sich ist schon sehr reglementiert, wir bevorzugen individuelle Lösungsansätze. Trotzdem stehen für uns der Boden und die Biodiversität im Mittelpunkt.

Historische Flaschen: Bereits Gaias Urgroßvater füllte Barbaresco ab

Luca Fumero

Was tut ihr dafür?

Gaia Gaja: Wir verfolgen einen interdisziplinären Ansatz und arbeiten mit Geologen, Genetikern, Botanikern und Imkern zusammen. Vor rund 20 Jahren haben wir in den Barbaresco-Weinbergen – in Anlehnung an unser Weingut in Bolgheri – Zypressen gepflanzt, um Vögel anzulocken und damit die Artenvielfalt zu erhöhen. Seit dem vergangenen Jahr setzen wir auch in Serralunga d’Alba auf Bäume in den Weinbergen. Das Thema Agroforst wird immer wichtiger, um die Monokultur Wein resilienter zu machen und das Mikroklima positiv zu beeinflussen.

Wie haben sich eure Barbaresco verändert, seit du im Unternehmen bist?

Gaia Gaja: Unsere Weine mussten mit der Zeit gehen. Auf der einen Seite, weil sich das Klima verändert hat, auf der anderen, weil die Weinwelt im ständigen Wandel ist. Im Keller intervenieren wir heute wesentlich weniger, gehen vorsichtiger und sanfter mit Holz um. Die Weine der 1990er-Jahre waren viel stärker vom Holz geprägt. Sicher, das war Mode, aber es war auch das, was die Nebbiolo-Trauben damals brauchten. Die Säure war höher, die Tannine grüner und härter, man brauchte das Holz. Das ist heute nicht mehr nötig. Wir lassen die Weine heute länger auf den Schalen, manchmal mehr als zwei Monate, aber pumpen weniger oft um und extrahieren sanfter.

Wie merkt man das den Weinen an?

Gaia Gaja: Die Barbaresco sind schneller zugänglich als früher, weil die Trauben reifer, weniger säurebetont und die Nebbiolo-Tannine generell weicher geworden sind. Heute müssen wir die Weine vor Mikrooxidation eher schützen, damit sie ihren Charakter auch mit der Lagerung bewahren. Deswegen haben wir auch unsere Fasslieferanten gewechselt. Wir setzen inzwischen vermehrt auf Fässer aus Österreich und Osteuropa, weniger aus Frankreich.

Denkst du, dass die heutigen Weine ebenso gut reifen können?

Gaia Gaja: Ich bin sehr zuversichtlich, gerade weil wir so viele Details im Weinberg und im Keller angepasst haben. Natürlich sind sie schneller trinkreif als früher, aber ich bin sicher, dass sie lange halten werden, weil wir sie von Anfang an anders behandeln.

Was habt ihr konkret im Weinberg getan, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Gaia Gaja: Wir haben in den vergangenen 20 Jahren den Reben geholfen, sich an das immer extremere Klima anzupassen. So arbeiten wir heute beim Rebschnitt nach der Methode von Simonit & Sirch. Zudem setzen wir auf individuelle Begrünung zwischen den Rebzeilen, da wir so die Temperaturen im Weinberg senken können. Unsere Reben sind im Durchschnitt 60 Jahre alt und wir müssen demnächst einige Weinberge ersetzen. Mithilfe der Massenselektion haben wir dafür Nebbiolo-Reben ausgewählt und vermehrt, die besonders resilient gegenüber Hitze und Trockenstress sind. Es sind echte Kämpfernaturen, die gezeigt haben, dass sie besonders gut mit allen Widrigkeiten umgehen können. Das sind unsere Reben für die Zukunft.

Die Marke Gaja gehört zu den berühmtesten Namen der Weinwelt.

Luca Fumero

Gaja erzeugt inzwischen in vier Top-Anbaugebieten Wein: Barbaresco, Montalcino, Bolgheri und am Ätna. Welches Terroir fasziniert dich am meisten?

Gaia Gaja: Nun ja, der Ätna ist so speziell, dass man ihn einfach lieben muss. Aber dort funktioniert alles anders. Man kann ihn nicht mit anderen Anbaugebieten vergleichen. 2024 war dort warm und trocken und trotzdem sind die Weine schlank, fast unreif, während kühlere Jahrgänge die opulenteren Weine ergeben. Es ist verrückt!

Zu Ca‘ Marcanda in Bolgheri habe ich eine besondere Verbindung, weil ich dort vor zwanzig Jahren meine ersten Schritte im Unternehmen gemacht habe. Es war damals noch in den Anfängen und ich konnte die Entwicklung selbst gestalten. Ich bin mit ihm gewachsen. Außerdem schätze ich Ca‘ Marcanda, weil man dort Weine machen kann, die nicht dem stereotypen Bild von Bolgheri entsprechen. Sie sind sehr elegant und feingliedrig.

Montalcino hingegen ist faszinierend, weil es so viele unterschiedliche Höhenlagen, Ausrichtungen und Böden gibt – und weil es von Wald umgeben ist. Das Gebiet ist viel facettenreicher als die Langa. 2020 haben wir dort einen Weinberg auf 620 Metern gekauft. Wenn wir die Möglichkeit haben, in die Höhe zu gehen, nutzen wir die Chance.

Habt ihr auch im Piemont in höhere Lagen investiert?

Gaia Gaja: 2017 haben wir einige Flächen auf 650 Metern gekauft, in der Alta Langa, rund 20 Minuten von Barbaresco entfernt. Ich bin sicher, dass diese Weinberge in einigen Jahren von sich reden machen werden. Früher reiften die Trauben dort nicht richtig aus, aber mit dem Klimawandel werden diese Lagen immer interessanter.

Was wollt ihr dort erzeugen?

Gaia Gaja: Vor allem Weißweine. Wir haben unter anderem Timorasso, Erbaluce sowie Incrocio Manzoni gepflanzt und wollen damit experimentieren. Dieses Anbaugebiet ist sehr vielversprechend. Die Weine dort sind so frisch und säurebetont, dass im Keller keine Aufsäuerung nötig ist – selbst in sehr heißen Jahren nicht. Beim Chardonnay können wir Biologischen Säureabbau machen, ohne dass er an Frische verliert.

Inwieweit prägt der Standort Barbaresco heute noch die Identität aller Weingüter?

Gaia Gaja: Um jedes Weingut und seine Marke hervorzuheben, habe ich vor einiger Zeit die Etiketten unserer toskanischen Weine geändert und den Namen Gaja auf der Vorderseite entfernt. Und dafür auch einiges an Kritik eingesteckt. Aus kommerzieller Sicht ist es sehr mutig, den Namen Gaja nicht mehr prominent zu zeigen. Aber der Name ist zu eng mit Barbaresco verknüpft und ich möchte in Zukunft, dass die anderen Weingüter ihre eigene Identität stärker zum Ausdruck bringen.

Der Sitz von Gaja im Zentrum von Barbaresco ist eine Pilgerstätte für Weinfans

Luca Fumero

Wie erlebst du die derzeitige Dämonisierung des Weins, die sich durch Institutionen und Presse zieht?

Gaia Gaja: Ich lehne jeglichen Extremismus ab. Die Welt ist voller Fundamentalisten, es gibt nur noch schwarz oder weiß. Für uns Europäer hat Wein einen anderen Stellenwert als beispielsweise für die Amerikaner. In unserem Kulturkreis gehört moderater Weinkonsum zum Leben dazu. Diese Überzeugung müssen wir verteidigen.

Was muss für dich Wein heute können?

Gaia Gaja: Für mich ist es wichtig, dass unsere Weine Emotionen hervorrufen. Dass sie in besonderen Momenten getrunken werden. Wein verbindet und schafft Freundschaften. Sich zusammen an einen Tisch zu setzen, zu essen, zu trinken, das ist Lebensfreude.

Du sprichst von besonderen Momenten, weil eure Weine zu den Fine Wines zählen. Wie sieht es mit Alltagsweinen aus?

Gaia Gaja: Ich trinke nicht immer nur teure Weine, vor allem nicht meine eigenen. Im Restaurant bestelle ich gerne Grignolino oder Dolcetto, aber auch Lambrusco, den übrigens auch mein Vater sehr liebt. Chianti ist ebenso einer dieser wunderbaren einfachen Weine, die nie in meinem Keller fehlen dürfen. Wer regelmäßig gute Alltagsweine trinkt, weiß einen Barolo und Barbaresco viel mehr zu schätzen.

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