In Schweden lässt sich derzeit die Geburt eines Weinbaulandes miterleben. Mit welchen Herausforderungen die Weingüter dabei konfrontiert sind, hat Alexander Lupersböck zwischen Malmö und Göteborg erfahren.
Die Weinwelt klagt über Konsumrückgang, diskutiert über Zwangsrodungen und blickt negativ in die Zukunft. Die ganze Weinwelt? Nein, hoch im Norden Europas gibt es ein Land mit einer aufstrebenden Weinwirtschaft voller Zuversicht. Dort herrscht gute Stimmung, die Winzer sind bester Laune, die Weingüter expandieren.
Das Land heißt Schweden. Von einer Weinindustrie zu sprechen, ist zwar noch etwas übertrieben. Im Moment sind zwischen 200 und 250 Hektar mit Wein bepflanzt. So genau weiß das aber niemand, da für das Pflanzen von Rebstöcken niemand eine Genehmigung braucht und es (noch) keine offiziellen Zahlen dazu gibt. Das ist verwunderlich in einem Land, in dem viele Bürger dem Alkohol skeptisch gegenüberstehen und der Verkauf in den „Systembolaget“-Läden des staatlichen Alkoholmonopols stark reglementiert ist. „Im Moment kümmert sich noch niemand drum, jeder kann Wein auspflanzen, so viel er will. Aber: Langsam entdecken die Behörden, dass hier Geld zu holen ist“, erzählt Anette Ivarsson, die Besitzerin des Weinguts Arilds Vingård in Arild.
Alles begann in den 1990er-Jahren mit ein paar Hobbywinzern. 1999 wurde Schweden von der EU offiziell als Weinbauregion anerkannt. Damit wurden die Weingüter größer und professioneller. Erst vor kurzem wurde auf Privatinitiative der Weinbauverband Svenskt Vin gegründet – der erste, den es je in Schweden gegeben hat. Es gibt bislang noch keine anerkannten geografischen Angaben oder gar Regeln für Herkunftsbezeichnungen. Alles wird unter „Wine from Sweden“ abgefüllt und etikettiert. Um mehr darüber zu erfahren, war ich zwei Tage in der Region Skåne zwischen Malmö und Göteborg an der Südwestküste Schwedens unterwegs.
Felix G. Åhrberg mit den von ihm geprägten Kullaberg-Weinen
Felix G. ÅhrbergIn Schweden sind immerhin 5.000 Hektar potenziell geeignet, um Wein anzubauen – und sämtliche Flächen liegen an den Küsten. Das ergaben Untersuchungen der Universität in Lund. Nahe am Meer wird es im Winter nicht zu kalt, und der ständige Wind sorgt für die gute Durchlüftung der Weinberge. Nur wenige Kilometer weiter landeinwärts steigt die Frostgefahr überproportional an. „Eiswein können wir nicht machen“, sagt Felix G. Åhrberg, in Österreich ausgebildeter schwedischer Önologe mit internationaler Erfahrung. Als ich ihn an seinem neuen Arbeitsplatz im Burgenland treffe, berichtet er: „Pro Jahr kommen 15 bis 20 Hektar dazu, und diese Entwicklung dürfte sich beschleunigen. Wichtig ist, dass wir schnell 500 bis 1.000 Hektar erreichen. Sie sind die kritische Masse, mit der es für die Lieferanten von Ausrüstung und Behandlungsmitteln interessant wird, in Schweden präsent zu sein.” Denn bislang müssten die Winzer das alles teuer aus dem Ausland importieren. „Es würde auch unsere Position gegenüber den Behörden stärken”, betont er, “im Moment gehört Weinbau zur Zuständigkeit der Arzneibehörde, und die hat keine Ahnung, was wir tun.” Sein Optimismus ist in jeder Minute unseres Gesprächs spürbar: „Die Voraussetzungen für Weinbau sind top! Je mehr Wertschöpfung ein Weingut generiert, desto mehr Weinbauern wird Schweden haben.“
Alexander Lupersböck
Rund 95 Prozent der Reben sind hier Piwi-Sorten. Da Kupfer in der schwedischen Landwirtschaft verboten ist, bleiben als Pflanzenschutzmittel nur Schwefel, Magnesium und Backpulver. Damit bieten Piwis die beste Chance für sichere Erträge. De facto wird Weinbau in Schweden ökologisch betrieben. Die am meisten gepflanzte Sorte ist Solaris, aber es wird viel experimentiert, um die am besten passenden Sorten zu finden. Das ist mit Rückschlägen verbunden: Frostschäden, Verrieselung, zu geringe Nährstoffversorgung. Alle von mir besuchten Winzer arbeiten intensiv daran, die Böden mit Kompost aufzubauen und Humus zu bilden. Felix Åhrberg sagt: „Viele Leute setzen falsche Sorten an den falschen Platz. Weingüter werden oft schlecht beraten von Experten, die zu viel von sich selbst halten.“
Aber nicht alle verlassen sich auf Piwis. Bei Thora Vingård in Båstad sind aktuell neben Solaris auch Pinot Noir Précoce (Frühburgunder), Chardonnay, Pinot Meunier und Chenin Blanc gepflanzt, dazu kommen bald Cabernet Franc, Gamay und Malbec. Die verantwortlichen Önologen Romain Chichery und Emma Berto haben an der Weinbau-Universität in Montpellier studiert. Warum bevorzugen sie die klassischen Sorten? „Solaris reagiert auf alle Wetterveränderungen sehr sensibel. Pinot Noir und Chardonnay sind stabiler. Unsere Wachstumsperiode ist sehr kurz. Die Blüte endet um den 20. Juni, zur Sonnenwende. Dann geht es schnell, weil wir fast 24 Stunden Tageslicht haben. Das sind 20 Prozent mehr Licht, als Bordeaux in der Vegetationszeit hat.“ Romain ist vom Erfolg mit Cabernet Franc überzeugt, da dieser wegen der späten Blüte kaum der Frostgefahr ausgesetzt sei. „An manchen Plätzen können wir problemlos nach biodynamischen Richtlinien arbeiten, aber nicht an allen“, erzählt er. Ihr Ansatz ist regenerativer Weinbau, denn die Böden müssen noch aufgebaut werden – vorher grasten hier nämlich Rinder. Der Niederschlag beträgt insgesamt rund 700 Millimeter pro Jahr, in der Wachstumsperiode maximal 500 Millimeter. „Wir schaffen den Pflanzenschutz mit acht Spritzungen im Jahr“, sagt Emma. Thora Vingård hat derzeit rund 53.000 Rebstöcke auf elf Hektar angepflanzt, davon ein Fünftel Solaris. Ziel sind 20 Hektar. Sie verkaufen die Weine ab Hof, im exzellenten eigenen Restaurant, sowie an 70 Restaurants in Schweden.
Der Ab-Hof-Verkauf ist neu, denn er ist erst seit Juli 2025 erlaubt. Für alle besuchten Weingüter ist er wichtig, aber mit strengen Auflagen verbunden. Jeder Kunde darf maximal vier Flaschen mitnehmen, aber erst, nachdem er eine rund 30-minütige „Schulung“ mitgemacht hat – bei jedem Kauf. Das kann eine extra berechnete, kommentierte Verkostung sein, oder ein geführter Rundgang durch Weinberge und Keller. Ab Hof verkaufen sich auch alternative Weinstile wie Natural- oder Orange Wines sowie Pet-Nat gut. „Seit unsere Kunden zum Kaufen herkommen, können wir mehr differenzieren”, freut sich Anette Ivarsson, „wir produzieren individuelle Chargen und experimentieren mehr.“
Mit 200.000 Rebstöcken auf 38 Hektar ist Arilds Vingård heute das größte Weingut in Schweden. Es verkauft rund ein Drittel seiner Weine im eigenen Hotel-Restaurant. Exportiert wird nicht, um den CO2-Fußabdruck klein zu halten. Anette, ursprünglich Biologielehrerin, und ihr Mann Jonas haben das Projekt privat begonnen, nicht als Investoren. „Es hat fast 20 Jahre gedauert, um das Weingut rentabel zu machen. Lange wurde es vom Hotel und dem Restaurant subventioniert. Man braucht viel Kapital und Durchhaltevermögen, um die Investitionen zurückzugewinnen.“
Kullabergs Vingård im Überblick
Alexander LupersböckAnders ist es bei Kullabergs Vingård. Gründer Björn Odlander verdiente viel Geld mit Medizintechnik, seine Ehefrau Paulina Berglund ist Architektin und baute die Kellerei. Odlander arbeitet aber gerne auch selbst mit. Als ich ihn auf meiner Tour durch die Weinberge zufällig treffe, ist er auf dem Weg zum Rebenbinden. Vorher lenkt er meine Aufmerksamkeit nicht etwa auf die schönen Gebäude oder die makellos gepflegten Rebstöcke, sondern auf einen Komposthaufen: „Wir müssen die Böden weiter aufbereiten und Mineraldünger ausbringen. Wir verwenden Kompost und Tee, um die Mikrobiologie zu stärken. Außerdem wollen wir CO2 binden“, sagt er.
Kullaberg exportiert sogar ins Ausland und beschäftigt seit Kurzem mit Helena Lindberg die ehemalige leitende Önologin der Tenuta Biserno in der Toskana. Auch Weinbergschef Nicola D’Agostini kommt aus Italien. Felix Åhrberg hat hier entscheidende Arbeit geleistet: Kullabergs Vingård hat mit seinem Solaris Immelen 2021 das erste internationale „Swedish Wine Tasting“ 2024 gegen internationale Konkurrenz gewonnen. In der Weinbar können die Weine zu kleinen Speisen probiert werden – auch ohne vorherige Schulung.
Tina Berthelsen: „Wir müssen auf keine Tradition Rücksicht nehmen!“
Alexander LupersböckAuf einer Reise nach Italien entstand auch Tina Berthelsens Wunsch, Wein zu machen. 2010 entdeckte die ehemalige Managerin eines Lebensmittelgroßhandels das Montalcino und seine Weine, bereits 2015 gründete sie mit ihrem Ehemann Manfred das Weingut Lottenlund Estate nahe der Hamlet-Stadt Helsingborg. Heute bewirtschaften sie 10,5 Hektar – ausschließlich Piwi-Sorten, 60 Prozent davon weiß. Die Böden sind sehr trocken und müssen weiter aufbereitet werden, denn früher wurden darauf Futterpflanzen angebaut. Für den Pflanzenschutz verwenden sie auch Algen. „Die wirken auf die Reben wie eine Impfung, sie fahren damit ihre Abwehrkräfte hoch.“ Über Solaris sagt Tina: „Er bringt nicht die höchste Qualität, aber als einziger sicheren Ertrag.“ Ihre Einschätzung über die Zukunft: „Die Schweden wissen kaum etwas über Wein und Weinbau. Wir haben die Chance, sein Image zu prägen und die Menschen heranzuführen. Wir müssen keine Rücksicht auf Geschichte und Traditionen nehmen.“
„Made in Sweden” ist den Menschen wichtig. Felix Åhrberg erklärt den scheinbaren Widerspruch zwischen restriktiver Alkoholpolitik und der offiziellen Werbung für Weintourismus: „Jede Form von Landwirtschaft wird unterstützt. Die Wertschöpfung soll in den Regionen bleiben. Lokal zu kaufen ist nachhaltig“. Weinberge und Kellereien im eigenen Land besuchen zu können, weckt die Neugier. Die Winzer werden sie zu nutzen wissen.
Die Reise wurde in Teilen von Visit Skåne finanziert.