wein.plus
ACHTUNG
Sie nutzen einen veralteten Browser und einige Bereiche arbeiten nicht wie erwartet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser.


Nutzen Sie auch unsere leistungsstarken Suchen mit vielen flexiblen Filtern, wie zum Beispiel:

Anmelden Mitglied werden

Im Rebsorten-Reservat der Genossenschaft Plaimont bauen Winzer und Wissenschaftler uralte regionale Sorten an. Das Ziel: Frankreichs Südwesten fit für die Zukunft machen. Carsten Stammen war dort.

Der Rebstock ist so dick wie ein Oberschenkel. Kaum hüfthoch, kauert er sich an den Pfahl, der ihm eigentlich als Rankhilfe dienen sollte. Sein Stamm ist zerfurcht, rau, trocken und warm; kein Wunder bei 40 Grad im Weingarten. Ein knorriges Stück Naturgeschichte, das die sengende Hitze stoisch erträgt – mit der Erfahrung von über hundert Sommern.

Es ist Juli, und wir sind im „Conservatoire Ampélographique“ von Plaimont, dem größten Weinproduzenten im französischen Südwesten. Was wörtlich übersetzt „rebsortenkundliches Konservatorium“ bedeutet, lässt sich am besten als Rebsorten-Reservat bezeichnen. Es liegt in Sarragachies, einem 220-Einwohner-Dorf im Département Gers, etwa auf halber Strecke zwischen Toulouse und Bayonne. Auf einer Parzelle von 2.000 Quadratmetern stehen hier uralte Rebstöcke fast ausgestorbener Sorten.

Das Gelände ist eben, die Parzelle mit zwölf Rebzeilen ist zu drei Seiten von Bäumen und Hecken umgeben. An der vierten ist eine Gebäudefront, bestehend aus einer hölzernen Halle und einem Wohnhaus. Der Weg in den Weingarten führt über den Hof und die Veranda des Hauses. Hier wohnt die Familie Pédebernade, der die Parzelle in der Lage „Lieu-dit Ninan“ bereits seit 1820 gehört. Reben standen hier aber schon im 18. Jahrhundert.

Am Eingang zum Weingarten steht auf zwei Pfählen eine Holztafel mit Plakette: „Monument Historique“. Frankreich-Urlauber kennen das Motiv von Schlössern, Kirchen oder anderen geschichtsträchtigen Bauwerken. Seit 2012 ist diese Parzelle der einzige Weinberg in Frankreich, der als historisches Denkmal klassifiziert ist.

 

Das Rebsorten-Reservat ist als historisches Denkmal klassifiziert.

Carsten Stammen

Reben aus dem 19. Jahrhundert

„Schon in den 1980er Jahren haben die Winzer in unserer Region begonnen, alte Weinberge zu schützen“, erzählt Olivier Bourdet-Pees. Als Generaldirektor von Plaimont vertritt er 600 Winzerfamilien, die 5.300 Hektar Rebfläche in fünf Appellationen bewirtschaften. Die Genossenschaft entstand 1979 aus dem Zusammenschluss der Kellereien von Plaisance, Aignan und Saint-Mont, initiiert durch den Winzer André Dubosc. Der Name Plaimont setzt sich aus den Buchstaben der drei Ortsnamen zusammen.

Bourdet-Pees ist Anfang 50, schlank, trägt offenes Hemd, Jeans und modische Brille. Eine dunkle Baskenmütze bedeckt sein raspelkurzes, graumeliertes Haar. „Die alten Parzellen sind unser Erbe, unsere Kultur. Sie zu erhalten, heißt, die Sortenvielfalt in unseren Weinbergen zu bewahren. Das ist es, was wir wollen”, betont er, „deshalb haben wir 2002 das Rebsorten-Reservat eingerichtet.“ Dafür bot sich der Weingarten in Sarragachies an. „Er ist einer der ältesten in Frankreich. Hier finden sich wurzelechte Reben, die bis zu 150 Jahre alt sind und von der Reblaus-Katastrophe verschont geblieben sind. Das macht sie so wertvoll“, erklärt Bourdet-Pees.

Wieso die Reben in dieser Parzelle die Reblaus überlebt haben, wird klar, als er ein bisschen im Boden gräbt – dort, wo ausnahmsweise weder Gras und Blumen zwischen den Reben wachsen. Die Erde ist locker und leicht. „Die Reblaus befällt die Wurzeln der Rebstöcke, so dass die Pflanzen an Wasser- und Nährstoffmangel sterben”, erläutert der Generaldirektor, „aber weil diese Region vor Jahrmillionen ein Ozean war, besteht der Boden jetzt aus Sand. Die Reblaus konnte diesen Rebstöcken keinen Schaden zufügen, weil die an den Wurzeln abgelegten Eier bei Regen immer wieder abgewaschen wurden.“

 

Olivier Bourdet-Pees im „Atelier des cépages“, der Versuchskellerei von Plaimont. Hier produziert das Forschungsteam der Genossenschaft Wein aus den Trauben der uralten Reben.

Plaimont

Vielfalt als Schlüsselkompetenz

Zuerst war die „Parcelle Pédebernade“ nur ein Rebsorten-Museum. Bis Wissenschaftler 2007 das komplette Genom der Weinrebe entschlüsselten. „Das war für uns die Chance, die Pflanze noch besser zu verstehen und mehr über diese Sorten zu erfahren“, sagt Olivier Bourdet-Pees. Das habe ihm den Blick in die Zukunft eröffnet: „Das Konservatorium soll nicht nur die Biodiversität im Weinberg dokumentieren, sondern uns helfen, Antworten auf den Klimawandel zu finden.“ Dabei geht es ihm um das Überleben im Weinberg – und um den Weinstil. Die Sortenvielfalt ist für Bourdet-Pees dazu der Schlüssel. „Wenn wir die Biodiversität verlieren, verlieren wir alle Optionen, uns zu wehren und anzupassen“, betont er.

Im Rebsorten-Reservat stehen derzeit 39 Rebsorten, die alle aus der Region am Fuß der Pyrenäen stammen – ordentlich in Reihen gepflanzt, aber gemischt. „Verschiedene Rebsorten stehen nebeneinander, die unterschiedlich anfällig für Krankheiten sind und deren Trauben zu unterschiedlichem Zeitpunkt reif sind. So sicherten die Winzer früher die Ernte“, erklärt der Plaimont-Direktor. Ein weiterer Aspekt ist die Befruchtung der Reben: „Zwar haben die meisten kultivierten Rebsorten zwittrige Blüten und können sich selbst befruchten. Rebstöcke nur mit weiblichen Blüten brauchen jedoch Wind oder Insekten, die Pollen zu ihnen tragen. Auch das begünstigt der Mischsatz.“

 

Im Reservat wachsen zwei Rebstöcke an einem Pfahl. Das sicherte früher die Ernte, falls beim Bearbeiten ein Stock verletzt wurde.

Carsten Stammen

Einsatz von Genetik und KI

Bordes-Pees deutet auf die Schilder an den Rebstöcken mit den Namen der Sorten: Tannat, Fer Servadou, Pinenc, Canari, Manseng Noir, Tardif, Négret de Banhars, Miousap, Morenoa, Chacolis und viele weitere, die nur Ampelographen kennen. 27 Rebsorten im Reservat sind bekannt, zwölf konnten die Forscher von Plaimont noch nicht identifizieren. „Alle diese Sorten waren fast verschwunden, einige gibt es nur noch in dieser Parzelle“, sagt Olivier Bourdet-Pees und geht die Zeilen entlang. Die unbekannten Sorten, die hier stehen, erkennt man auf den Schildern an Bezeichnungen wie „Pédebernade 1“, „Pédebernade 5“ oder „Dubosc 2“. Plaimont bezeichnet sie nach den Eigentümern des Weingartens oder dem Genossenschaftsgründer und zählt sie durch.

Einige der Rebsorten standen schon immer hier. Andere kommen aus anderen alten Weinbergen. Winzer von Plaimont haben sie irgendwann zwischen den anderen Pflanzen entdeckt und das Forschungsteam der Genossenschaft informiert. Das gibt es seit 2012. Wieder bleibt der Direktor stehen. „Wir pflanzen die neu gefundenen alten Sorten im Konservatorium aus und beobachten ihr Verhalten während des Vegetationsverlaufs. Um sie zu identifizieren, untersuchen wir Ähnlichkeiten mit bekannten Sorten. Bei weiblichen Sorten versuchen wir auch herauszufinden, wer sie befruchtet“, berichtet er. „80 Prozent der Merkmale für die Sortenbestimmung liefern die Rebblätter, doch inzwischen helfen auch DNA-Analysen und Künstliche Intelligenz, die Fotos ausgewachsener Blätter viel schneller und akkurater vergleichen kann als ein Mensch.“

 

Die alten, autochthonen Rebsorten Manseng Noir und Tardif waren fast ausgestorben. Dank des Reservats gehören sie inzwischen wieder zum Sortiment von Plaimont.

Carsten Stammen

Mikrovinifikation im „Atelier des cépages“

Um den Weingeschmack der alten Sorten zu beurteilen, verarbeitet das Team auch die Trauben. Dafür hat Plaimont 2022 eine eigene Versuchskellerei in Betrieb genommen, deren Tür der Direktor jetzt öffnet. Das „Atelier des cépages“ (wörtlich übersetzt: Rebsorten-Werkstatt) ist eine große, moderne Halle, an deren Wänden Edelstahltanks aufgereiht sind. Sie sind kleiner als in anderen Kellereien und stehen nicht auf dem Boden, sondern hängen an einer umlaufenden, begehbaren Empore. „So sparen wir Wasser bei der Reinigung“, kommentiert Olivier Bourdet-Pees. Vom Sortiertisch am Halleneingang läuft das Lesegut über ein Förderband in die Presse, die sich auf der Höhe der Empore befindet. So lässt sich für alle folgenden Schritte ausschließlich die Schwerkraft nutzen.

In der Mitte der Halle stehen kleinere Tanks, jeder auf drei Beinen mit Rollen. Sie erinnern an den Roboter R2D2 aus „Star Wars“. Der kleinste fasst lediglich 100 Liter und zeigt, was Mikrovinifikation bedeutet: Wein versuchsweise in sehr kleiner Menge zu erzeugen.

Zwei alte, autochthone rote Rebsorten haben diesen Prozess bereits durchlaufen: Manseng Noir und Tardif. Sie sind heute unter Bedingungen für die Weinproduktion zugelassen. Auch aus anderen Sorten haben die Önologen schon Versuchsweine erzeugt, reinsortig oder als Cuvée. „Die Rebsorte ist ein großartiges Werkzeug, um das Terroir auszudrücken und an die Nachfrage der Konsumenten anzupassen“, sagt Olivier Bourdet-Pees. Der über hundert Jahre alte Rebstock in Sarragachies lebt weiter und gedeiht in seinem Terroir ebenso gut wie seine knorrigen Kollegen. Sie sind damit ein Erbe, das Zukunftspotenzial hat – und der Gegenentwurf zu jeder Neuzüchtung.

Mehr zum Thema:

Mehr verwandte Stories

Alle anzeigen
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr
Mehr

Veranstaltungen in Ihrer Nähe

WIR UNTERSTÜTZEN
Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg
PREMIUM PARTNER

wein.plus

Ihre Zustimmung ist gefragt

Mit Werbung lesen

... oder Premium-Mitglied werden

Genießen Sie wein.plus ohne Werbung und Tracking durch Dritte!

Bereits wein.plus -Mitglied?