Winzer üben einen Beruf aus, der sehr gefährlich ist – und viele schon das Leben gekostet hat. Über die kaum bekannten Risiken, denen sie allein bei der Arbeit draußen ausgesetzt sind, berichtet Matthias Stelzig. Ein zweiter Beitrag über die Gefahren im Keller folgt.
Wenn’s schlecht läuft, erwischt es Winzerinnen und Winzer schon auf dem Weg zur Arbeit. Besonders zur Erntezeit sind viele Autofahrer genervt von den langsamen Trecker-Gespannen, in denen der Fahrer kaum Rundum-Sicht hat. Riskante Überholmanöver gehen oft übel aus: Ein Winzer aus Rheinhessen kam vom Abfüllbetrieb zurück, als es dem Autofahrer hinter ihm nicht schnell genug ging. Doch sein Wagen rammte beim Überholmanöver den Anhänger, 1.750 Flaschen Wein ergossen sich auf die Straße. In der Pfalz wollte der Fahrer eines Transporters noch schnell an einem Traktor vorbeiziehen und touchierte ihn beim Linksabbiegen. Die Fahrzeuge kippten um – Totalschaden.
Die Polizei in den Anbaugebieten hat Winzerunfälle längst als Einsatzkategorie auf dem Schirm. Doch Unfallverursacher sind dabei auch die Landwirte selbst: Überladene Hänger, die sich selbständig machen, müssen oft mit dem Kran aufgerichtet werden. Verlorene Ladung läuft unter „Winzer-Glatteis”. Dabei gibt es immer wieder Tote und Verletzte.
Das größte Risiko sind Unfälle, die Winzer selbst verursachen. Das außer Kontrolle geratene Feuer, bei dem sich ein badischer Winzer im Weinberg selbst in Brand setzte und ins Krankenhaus geflogen werden musste, ist zwar eher der Einzelfall. Doch umstürzende Maschinen sind die vielleicht größte Gefahr: Wer unter einen tonnenschweren Vollernter gerät, hat eine Überlebenschance von Null.
Weinbau ist eine sehr arbeitsintensive Variante der Landwirtschaft: Es gibt alleine in Deutschland durchschnittlich rund 200 gemeldete schwere Unfälle und in fast jedem Jahr Tote – während die Unfallzahlen in der gesamten Landwirtschaft laut der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) in jedem Jahr weniger werden. Aus statistischer Perspektive leben Jäger sicherer als Winzer.
Dabei erwischt es auch große Namen: Der berühmte Brunello-Winzer Gianfranco Soldera starb bei einem Autounfall im Weinberg, ebenso Johann Artner, einer der profiliertesten Winzer in Carnuntum sowie 2024 der Piwi-Pionier Erhard Tutzer aus Südtirol. Der Winzer und Rebzüchter, der Spitzenweingüter wie Gaja und Antinori belieferte, stürzte mit seinem Traktor über eine Mauer vier Meter tief ab und wurde von ihm erschlagen. Der Mosel-Winzer Ulrich Franzen aus Bremm starb bereits 2010, als sein Trecker in einer fast flachen Weinlage nordwestlich des Neefer Frauenbergs umstürzte.
Viele Maschinen, die im Weinbau eingesetzt werden, haben zudem hohes Verletzungspotenzial: Pfahlrammen zertrümmern im schlimmsten Fall nicht nur die Holzpfähle, sondern auch die Knochen. Pneumatische und elektrische Scheren lösen sich unbeabsichtigt und verursachen schwere Verletzungen, Eggen und Häcksler schleudern Rebteile und Steine durch die Luft. Bodenfräsen und Kreiseleggen mit rotierenden Messern und Walzen laufen weiter, auch wenn sich Hände und Arme nähern. Entlaubungs- und Abbeermaschinen schonen zwar die Trauben, aber nicht die Körperteile der Winzer.
Landwirtschaftliche Maschinen werden zudem noch viele Jahre nach der Abschreibung genutzt, in finanzschwachen Betrieben erst recht. Oft arbeitet noch der Senior mit, der sich besser schonen sollte. So kommen viele Faktoren zusammen, die einen Unfall begünstigen.
Monorack-Zahnradbahnen sind für Winzer in Steillagen der oft einzige Weg, um Menschen, Geräte, Pfähle und Trauben zu transportieren.
Robert Thomson - WikipediaIn Steillagen wie an der Mosel setzen Winzer oft Weinbergsraupen ein. Das Kettenfahrzeug fährt von oben in die Rebzeile und ist zusätzlich mit einem Stahlseil am Traktor gesichert, der über der Rebzeile steht. Eine geniale Erfindung für Hanglagen mit Neigungen bis über 60 Grad, wären da nicht die Risiken: Das Sicherungsseil wird bei der Arbeit extrem belastet, seine Fasern oder Drähte werden rissig, besonders die ersten Meter hinterm Traktor. Das übersehen viele Winzer, weil der Rest noch unauffällig aussieht. Doch wenn es reißt, wird’s für Personen, die mitfahren, lebensgefährlich. Auch mit Monorack-Systemen passieren Unfälle: Die Einschienen-Zahnradbahnen transportieren Menschen, Geräte und Trauben über steilste Hänge. Doch sie sind anfällig für technische Schäden durch Unachtsamkeit sowie für Manipulation. Etwa an der Mosel hat die Polizei schon mehrfach Monorack-Abstürze dokumentiert, bei denen die Gutachter eindeutig feststellten: Der Grund war Sabotage.
Die wohl häufigste Todesursache aber sind die Schmalspurtraktoren. Für die wendigen Maschinen gibt es etliche Anbaugeräte davor, daneben und dahinter. Vor allem deshalb sind sie die Allzweckwaffe im kleinteiligen Weinbau. Doch beim Wenden an Hängen kommen sie mit ihrer geringen Spurweite schnell an ihre Grenzen, Gewichtsverlagerungen durch Anbauten verschlechtern die Spur-Stabilität.
„Die größten Sorgen bereiten uns Regionen mit schwierigen topografischen Verhältnissen”, erklärt Dr. Erich Koch, Pressesprecher der SVLFG. Denn Hanglagen sind Risikozonen: In Europa entfallen die meisten auf die Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Norditalien (Südtirol), weshalb Sachverständige dieser Länder schon ganze Tagungen über Maschinensicherheit organisiert haben, um die Risiken zu diskutieren. Eines der Ergebnisse: ein speziell für Schmalspurschlepper entwickeltes Fahrsicherheitstraining im Gelände, das „rege nachgefragt wird”, berichtet Koch. Denn fast jeder Winzer, der draußen arbeitet, hat schon lebensgefährliche Situationen überstanden. Darüber sprechen sie aber höchstens im Kreis der Kollegen – in Unfallstatistiken gehen diese Beinahe-Katastrophen nicht ein.
Ist das Gleichgewicht erst verloren, vor allem am oberen Ende einer Rebzeile, ist nichts mehr zu machen. Mit ihrem Gewicht können die Schlepper bis ins Tal auf die Straße stürzen. So ist es im Hohenlohekreis (Württemberg) passiert, als ein 74-jähriger Winzer offenbar vergaß, die Handbremse vorm Absteigen anzuziehen. Der Mann versuchte, den Traktor noch zu stoppen und verletzte sich dabei schwer. Der Traktor rollte durch drei Parzellen talwärts, riss Rebdrähte mit und zog sie über die Straße. Eine 16 Jahre alte Motorradfahrerin stürzte und wurde dabei ebenfalls schwer verletzt. In Efringen (Baden) stürzte ein Weinbergstraktor auf die Schienen des ICE. Der heranrasende Zug konnte zum Glück rechtzeitig bremsen, über 100 Fahrgäste entgingen nur knapp der Katastrophe. Im Mai 2025 stürzte bei Karlstadt (Franken) ein Winzer mit dem Traktor im Weinberg ab (Bild oben) und wurde lebensgefährlich verletzt.
Auch abfallende Fahrspuren, Verhaken an Metallpfosten, rutschiger Grund, Böschungskanten und Mauerstürze werden immer wieder zu Todesfallen für Winzer. Witterungseinflüsse wie Nässe, Trockenheit oder Frost sowie der Grünbewuchs in der Rebgasse erhöhen die Gefahr. Die Unfallhergänge sind oft grausam. Trecker überrollen oder zerquetschen ihre Fahrer. Neuere Traktoren sind zwar sicherer geworden und mit ausgeklügelten Verbesserungen wie Kippkabinen und Nothaltsystemen ausgestattet. Doch auch bei weniger schweren Unfällen kann es Zeit brauchen, bis Hilfe kommt: Feuerwehr und Rettungsdienst müssen den Winzer nach dem Notruf erst mitten im Weinberg orten und danach einen Weg finden, den Verletzten zu befreien, zu sichern und zu bergen – im steilen, unwegsamen Gelände oft eine logistische und technische Meisterleistung. Doch zu oft kommt die Hilfe zu spät.
Im zweiten Teil berichtet Matthias Stelzig über die Gefahren, denen Winzer bei der Arbeit im Keller ausgesetzt sind. Der Text erscheint in Kürze.