Mit Felix Keller (28) und Isabella Keller-Rutayungwa (32) ist im Weingut von Julia und Klaus-Peter Keller in Rheinhessen die nächste Generation gestartet. Neben Riesling setzen die beiden auf Spitzensekt, Burgundersorten und Terroir-Purismus.
Was waren die Gründe für dich, Winzer zu werden und in den Betrieb der Eltern einzusteigen, Felix?
Felix Keller: Mich hat von Kind auf die Arbeit mit der Natur begeistert. Ich war schon früh mit meinen Eltern im Weinberg und hab’ mit neun Jahren meine ersten Trauben selbst vergoren – Papa durfte erst probieren, wenn der Korken in der Flasche war. Ich liebe es, im Rhythmus mit der Natur zu arbeiten, viel draußen zu sein und sehr viele nette Menschen durch meinen Beruf kennenzulernen.
Isabella, du hast den Weinhandel „Belles Vignes“ gegründet. Wieso setzt eine junge Frau ausgerechnet auf eine Weinszene, die so stark von viel älteren Generationen geprägt ist?
Isabella Keller-Rutayungwa: Ich habe Betriebswirtschaftslehre studiert, kam also aus einer ganz anderen Ecke. Ich habe aber schon in meiner Kindheit und Studienzeit immer wieder Berührungspunkte mit Wein gehabt. Ich habe eine Weingemeinschaft an der Uni gegründet und gemerkt, dass dieser Kontakt mit Menschen, die mit Wein arbeiten, für mich wahnsinnig positiv war. Was mich am meisten begeistert hat, war, mit familiengeführten Weingütern zusammenzukommen. Einige meiner Mitstudenten waren schon ein wenig überrascht, als ich ihnen mitteilte, dass ich einen Weinhandel gründen möchte. Kürzlich traf ich einige von ihnen wieder und sie sagten: „Du hast einfach früh erkannt, was glücklich macht.“ Beim Fine Wine spricht man oft von Luxus. Aber für mich ist das Authentische das Spannende. Und das ist, was ich in meinem Sortiment widerspiegeln möchte. Natürlich beste Qualität, aber Authentizität, das Familiäre und Freundschaftliche. Das macht für mich Weinhandel im besten Sinne aus: die Gemeinschaft.
Wie bist du zum Wein gekommen?
Isabella Keller-Rutayungwa: Ich bin schon in der Kindheit mit Wein aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Ärzte und große Riesling-Liebhaber. Deswegen sind wir früher zwei-, dreimal im Jahr in den Rheingau gefahren. Nach dem Abitur habe ich in Cambridge ein Vorstudium gemacht und kam dort in Berührung mit der Cambridge Wine Society, die ja Studenten organisieren. Das hat mich später inspiriert, an meiner Uni auch so was zu machen. Abends saßen ganz viele junge Leute um einen Tisch und haben sich stundenlang mit einem Wein beschäftigt. Ich habe gedacht: Krass, dass die alle über ihre Themen hinaus so eine Lust auf Wein haben. Das ist wie ein roter Faden gewesen. Nach dem Master-Abschluss hab’ ich beschlossen: Jetzt mache ich die WSET-Kurse. Und ich habe mich in Geisenheim eingeschrieben. Und jetzt bin ich mitten im Master-of-Wine-Studium.
Es ist eine riesige Herausforderung, in so einen Betrieb reinzukommen
Felix, mit welchen Zielen bist du im Weingut gestartet?
Felix Keller: Ich bin die zehnte Keller-Generation und hab’ viel Respekt vor dem, was die Generationen vor mir aufgebaut haben. Gleichzeitig kann man aber auch Tradition immer auch mit Innovation verbinden – wenn ich denke, dass wir im Weingut was verbessern können, spreche ich das beim Opa und meinen Eltern an. Die haben in der Regel sehr offene Ohren dafür. So haben wir jetzt zum Beispiel für die Bewirtschaftung unserer steilen Hänge in Nierstein eine Drohne angeschafft.
Felix Keller
Guido BittnerIm Weingut Keller arbeiten drei Generationen. Das ist oft nicht einfach.
Felix Keller: Wir verstehen uns als Team und als Familie, wir halten zusammen. Mein Opa ist 77 Jahre alt und täglich im Weinberg dabei, meine Eltern sind noch jung. Das ist ein Privileg, weil wir in der Familie so viel Energie reinstecken können. Das hat es mir möglich gemacht, meine eigenen Projekte zu starten. Mit Sekt ging’s los – den es im Betrieb ja vorher nie gab. Statt Grauburgunder und Weißburgunder setzen wir mehr auf Chardonnay und Spätburgunder, weil sie auf unseren Böden und mit unserem Klima einfach besser passen, zwei tolle Riesling-Lagen kamen auch dazu.
Wann ist eine Lage für dich interessant?
Felix Keller: Das geht für mich viel, viel tiefer, als nur hinzufahren und sich den Weinberg anzugucken. Ich schaue mir geologische Karten an, ich versuche, alte Berichte zu den Lagen zu finden, die Historie zu ergründen. Es ist teilweise ein monatelanger Prozess, bis man eine Entscheidung trifft. Manchmal habe ich so ein Bauchgefühl: Das wird richtig gut. Oder man unterschätzt einen Weinberg total. Hab’ beides schon erlebt.
Ihr arbeitet jetzt in einer neuen Lage im Zellertal mit Einzelpfahl-Erziehung. Warum?
Felix Keller: Das machen wir schon in der Lage Schubertslay an der Mosel, die wir bewirtschaften. Und gleichzeitig fand ich es spannend, das auch hier mit Chardonnay und Spätburgunder auszuprobieren. Es ist ja eine Anbauform ist, die vor 150, 200 Jahren sehr verbreitet war, weil sie tiefere Wurzeln, mehr Schatten, dickere Schalen und kleinere Beeren bringt. Ich möchte noch mehr Biodiversität in unseren Weinbergen, und die Dichtpflanzung scheint mir in Zeiten des Klimawandels eine Möglichkeit zu sein, uns sehr gut anzupassen. Außerdem macht es mir Freude, Bäume und Sträucher an den Weinbergen zu pflanzen und Ökosysteme zu verknüpfen. Der Ansatz, den wir dabei verfolgen, ist, das traditionelle System mit dem zu verbinden, was uns der Fortschritt mitgegeben hat. Wir versuchen, das Beste aus zwei Welten zu vereinen. Wir können aber nicht alle Weinberge in dieser Intensität bewirtschaften. Doch unterm Strich ist es etwas, das uns in der Spitze noch mal einen ganz kleinen Schritt weiterbringt. Im Zellertal ist das Klima jetzt wie zum Anfang der 90er-Jahre in Burgund. Mit dieser Rückbesinnung haben wir die Möglichkeit, noch ein Quäntchen draufzusetzen.
Isabella Keller-Rutayungwa: Wir alle glauben daran, dass man mit einer Dichtpflanzung schneller höhere Qualitäten erreichen kann als mit weniger dicht gepflanzten Weinbergen. Aber es geht auch um die nächste Generation und die nächste und die danach. Die Dichtpflanzung führt ja auch dazu, dass die Weinberge viel, viel älter werden können, früher leicht 100 bis 150 Jahre.
Je höher die Qualität, umso mehr wird das Gemeinschaftliche wichtig
Sind diese Details, vor allem bei Spitzenwein, für jüngere Weinfans nicht zu kompliziert zu verstehen?
Felix Keller: Gar nicht. Wer Lust auf Qualität hat, schmeckt sie auch. Und natürlich gibt’s die Hintergründe und die ganzen Erklärungen. Aber das Allerwichtigste ist: Was im Glas ist, muss schmecken. Beispielsweise haben wir eine Pop-Up-Weinbar ins Leben gerufen, „Bellas Weinbar“. Das machen wir hier im Weingut mit der Idee, den Austausch zu fördern. Und wir merken, wie viele junge Menschen kommen. Im November waren 150 Leute pro Tag da, um sich zusammenzusetzen und Flaschen zu teilen. Faire Preise, tolle Qualitäten, super Stimmung – selbst der Opa hat davon geschwärmt.
Isabella Keller-Rutayungwa
Guido BittnerIsabella Keller-Rutayungwa: Es ist uns wahnsinnig wichtig, dass sich Leute, die sich nicht kennen, zusammen an einen Tisch setzen. Dieser Austausch und die Dynamik, die daraus entsteht! Da kamen Menschen zwischen 22 und über 70 Jahren. Völlig egal, es ist total unprätentiös. Großartige Weine nur exklusiv zu präsentieren, muss überhaupt nicht sein. Je höher die Qualität und komplexer das Handwerk, desto wichtiger wird die Gemeinschaft, das Zusammen-Erleben am Tisch. Dass man den Wein teilt, macht es unkompliziert und zugänglich. Man kann das Kulturgut Wein mit so viel Spaß erleben und tolle Freundschaften knüpfen. Ich glaube, das ist der Grund, warum Wein voll im Zeitgeist ist.
Was habt ihr im Weingut verändert?
Felix Keller: Bella und ich mögen beide sehr gerne Sekt. Vor 150 Jahren stand der deutsche Sekt schon einmal auf einer Stufe mit den großen Schaumweinen der Welt – da wollen wir zusammen mit einigen Kollegen in Deutschland wieder hin.
Sekt wollt ihr etablieren?
Felix Keller: Genau. Wir haben in jedem Jahr zwei Sekte im Sortiment. Da ist aber eine große Flexibilität drin, je nachdem, welche Qualität uns der Jahrgang liefert. Das ist für mich ein ganz wichtiger Faktor. Ein festes Sortiment ist eher schwierig, weil es oft nicht die Facetten eines Jahrgangs abbildet. Ich finde viel wichtiger: Was haben wir für Trauben im Weinberg, was können wir daraus am besten machen? Und nicht im Kopf zu haben: Ich brauche so viel von dem Wein jetzt für dieses Jahr. Die Natur ist unser Boss. Es kann beim Riesling sein, dass wir aus der einen Lage nur Kabinett machen, im nächsten Jahr machen wir dort nur trockenen Wein, im dritten Jahr machen wir Sekt. Das ist ganz flexibel und wird an die Gegebenheiten im Jahr angepasst.
Isabella Keller-Rutayungwa: Ich sehe auch bei Spätburgunder und Chardonnay ganz großes Potenzial in Deutschland – wir haben großartige Kalksteinböden und das Klima, das in Burgund vor 40 Jahren herrschte. Grauburgunder zu streichen und Weißburgunder zu verringern, um voll auf Pinot und Chardonnay zu setzen, ergibt für mich viel Sinn. Außerdem hätte ich gerne wieder einen Silvaner-Weinberg im Morstein.
Wenn wir eine Parzelle dazunehmen, muss eine andere Fläche weichen
Werdet ihr künftig als Sekt- und Weingut auftreten?
Felix Keller: Nein. Wir werden nur maximal 8.000 bis 10.000 Flaschen pro Jahr produzieren, in den meisten Jahren weniger. Das hängt vom Klima ab. Wir gehen trotzdem das Thema mit dem allerhöchsten Anspruch an. Alle Parzellen, die wir für Sekt nutzen, stehen in Großen Lagen. Wir haben viele Parzellen auch dafür neu gepflanzt. Mit der passenden Genetik, auch aus der Champagne. Mein Fokus liegt auf den Burgundersorten, aber in Jahren, in denen es sich anbietet, wird’s auch tolle Riesling-Sekte geben, zum Beispiel aus dem Hubacker und der Abtserde.
Soll das Weingut damit größer werden?
Felix Keller: Als ich in 2018 ins Weingut dazukam, haben wir im Zellertal 2,5 Hektar für Sekt und Burgunder dazugenommen. Weiter wachsen möchten wir nicht. Wenn wir eine Parzelle dazunehmen, muss eine andere Fläche weichen. Wenn möglich, wollen wir gute Flächen gegen noch bessere tauschen, sodass inzwischen selbst die Flächen für den Gutsriesling schon als Erste oder Große Lage klassifiziert sind. Wobei wir dort oft die jüngeren Reben nutzen.
Werdet ihr bald keine Gutsrieslinge mehr machen?
Felix Keller: Ganz im Gegenteil: Ein toller Gutsriesling gehört für uns dazu – ein toller Einstieg ist eine sehr wichtige Visitenkarte für das Weingut. Daran werden wir festhalten.
Felix, gab es schon Veränderungen, die du gegen deinen Vater durchgesetzt hast?
Felix Keller: Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung, aber sehr häufig. Dann wird auch mal mit viel Leidenschaft diskutiert – und das ist auch gut so.
Isabella Keller-Rutayungwa: Wir sitzen jeden Mittag gemeinsam mit dem Team am langen Tisch in der Küche und essen gemeinsam – und da sprechen wir ganz offen an, was gut läuft und was vielleicht nicht so gut, am liebsten mit einer schönen Schorle im Glas. Auch unser Team darf da offen reden und wir sind glücklich, ehrliche Meinungen zu hören. Nur so können wir Dinge verändern und verbessern. Felix und Klaus-Peter sind dann auch manchmal länger unterwegs, weil sie Dinge gern vor Ort noch mal genau anschauen. Wenn wir mal unterschiedlicher Meinung sind, geht es zu 99 Prozent um Wein und Weinberge – ansonsten sind wir sehr harmoniebedürftig. Jede Entscheidung wird noch mal überdacht und überlegt. Wir stehen zur Ernte morgens um halb sechs das erste Mal zusammen und überlegen, ob wir den Spätburgunder doch noch zwei, drei Tage stehen lassen oder ihn heute direkt pressen. Und später stehen wir im Weinberg und diskutieren wieder. Danach wird ein Plan für den Tag gemacht. Und manchmal wird er nach drei Minuten wieder umgeworfen. Das Ziel ist es, zusammen mit unserem Team die Weine immer noch ein klein wenig besser zu machen.
Wenn ihr so alt seid wie jetzt deine Eltern, Felix: Wie wird eure Weinliste aussehen?
Felix Keller: Ich vermute, dass sich nicht viel ändern wird. Die Aufteilung der Rebsorten wird ziemlich ähnlich sein. Der Star im Sortiment bleibt der Riesling – wir haben großartige Lagen und momentan das perfekte Klima dafür. Wurden früher die Traube nur in drei, vier Jahren pro Dekade perfekt reif, gibt es heute fast keine Jahrgänge mehr, in denen die Trauben qualitativ nicht hervorragend sind. Der Silvaner wird wichtig bleiben, weil wir ihn sehr schätzen und er zur rheinhessischen Tradition gehört. Beim Pinot und beim Chardonnay, auch beim Sekt, sehe ich das Potenzial, Weltklasse-Weine in Deutschland zu erzeugen. Daran werden wir in den nächsten Jahren hart mit unseren Eltern, dem Opa und unserem Team arbeiten. Wir gehen das mit viel Energie und Vorfreude an.
wein.plus: Vielen Dank!
Isabella Keller-Rutayungwa & Felix Keller
Guido BittnerFelix Keller (28) absolvierte seine Ausbildung bei den VDP-Weingütern Emrich-Schönleber (Nahe) und Reichsrat von Buhl (Pfalz) – unter Matthieu Kaufmann – sowie mit Praktika, etwa im Champagnerhaus Bérèche et Fils und bei Julian Haart an der Mosel.
Seine Ehefrau Isabella Keller-Rutayungwa (32) stammt von der Nordseeküste. Sie absolvierte ein Master-Studium in Betriebswirtschaft und gründete vor drei Jahren den Weinhandel Belles Vignes. Zudem studierte sie in Geisenheim und bereitet sich derzeit auf die Prüfung zum Master of Wine vor.