Wein-Europa ächzt unter der Krise. Ganz Europa? Nein! Entgegen dem Trend geht es im Chianti Classico deutlich nach oben. Markus Blaser hat fünf junge Winzerinnen getroffen, die dort mit neuen Ideen vorangehen.
Die Zahlen sind widersprüchlich: Italiens Weinexporte sind 2025 um 300 Millionen auf 7,78 Milliarden Euro zurückgegangen (– 3,7 %) und die Rotweinexporte aus der Toskana in die USA regelrecht eingebrochen (– 8,7 %). Dem absehbaren Überschuss wollen die Verantwortlichen mit der Einführung des Chianti DOP Rosé und Spumante Toscana IGT begegnen. Umso erstaunlicher ist, dass die Flaggschiffe unter den Anbaugebieten positive Zahlen melden: 2025 haben die US-Amerikaner 17 Prozent mehr Chianti Classico gekauft. Die Daten könnten aber ebenso bedeuten, dass sich die Kunden vor den Preissprüngen durch neue Zölle mit bereits eingeführten Weinen eingedeckt haben. „Das unterstreicht das große Interesse“, kommentiert Konsortiums-Direktorin Carlotta Gori. Der Chianti Classico hat 2025 den Anteil seiner wichtigsten Absatzregion sogar von 36 auf 37 Prozent steigern können. Doch wie erklärt sich die Direktorin den so positiven Trend?
Dass der Chianti Classico der Krise trotzt, liegt für Gori nicht am guten Marketing, sondern am Wein selbst: „Die Weinfreunde schätzen offenbar die Kohärenz zwischen dem, was sie trinken, und dem, worüber wir reden: Der Chianti Classico spricht für sich selbst. Er muss sich nicht zwingend dem Gusto einer rasch wechselnden Kundschaft anpassen.“ Damit spielt die Direktorin auf drei Neuerungen der vergangenen Jahre an: Die Einführung der Gran Selezione, ihre Kombination mit den „Unità Geografiche Aggiunte“ (UGA: „ergänzende geografische Einheiten“) und die Fokussierung auf autochthone Rebsorten. Dank dieser Entscheidungen ist das relativ große Produktionsgebiet besser begreifbar geworden. Beschreiben die UGA die beachtlichen klimatischen und geologischen Unterschiede etwa zwischen San Casciano im Nordwesten und Castelnuovo Berardenga im Südosten, folgt die Weinerzeugung doch überall denselben Regeln. Die Vielfalt der Weine ist vor zwei Jahrzehnten noch als mangelnde Identität des Chianti Classico kritisiert worden. Heute erweist sie sich als Stärke in der Einheit.
Am besten lässt sich das an der Top-Kategorie Gran Selezione ablesen: Bei ihrer Einführung 2014 war die Sorge groß, dem Streben nach Weinen internationalen Zuschnitts würden die Annate zum Opfer fallen. Spätestens mit dem 2021 getroffenen Beschluss, den Sangiovese nur noch mit maximal zehn Prozent autochthonen Sorten zu begleiten, setzten die Winzer auf Typizität. Carlotta Gori spricht daher von einem „Fahrstuhleffekt“, dank dessen die Gran Selezione die Riserva- und Annata-Weine qualitativ wie ökonomisch angehoben haben, ohne sich von ihrer Charakteristik abzuheben.
Wie sich diese Schritte in den Weingütern vollzogen haben, zeigt sich bei Radda im Zentrum des Chianti im Weingut Istine. 2009 füllte Angela Fronti die ersten 3.000 Flaschen Chianti Classico unter diesem Ortsnamen ab. Von diesem Weinberg inmitten kleiner Eichen, die im Volksmund einst „istio“ genannt wurden, stammt heute eine der fünf Gran Selezione des Betriebs: alles reinsortige Sangiovese aus Einzellagen, die im Zementtank gären und im großen Holzfass reifen – bis auf einen, dessen Menge nur Tonneaux füllt. „Mit der separaten Vinifizierung der Einzellagen will ich das Anbaugebiet Chianti Classico durch das Weinglas vorstellen,“ erklärt Angela Fronti. „Die Crus folgen im Keller einem identischen Ablauf, um zu zeigen, wie der sensible Sangiovese je nach Weinberg zum Ausdruck kommt.“
Als Fronti 2012 mit den ersten drei Einzellagen beginnt, raten ihr viele Kollegen zu einem IGT-„Supertoskaner“, weil die höhere Preise erzielen. Das schaffen ihre Lagenweine heute auch, die ab Jahrgang 2021 als Gran Selezione und bald mit UGA-Angabe über den Ladentisch gehen. Angela Fronti ist mit Istine dieser Entwicklung des Chianti Classico vorausgegangen. Von den inzwischen 25 Hektar Reben erzeugt sie 120.000 Flaschen, die Hälfte davon Chianti Classico Annata, der im großen Holzfass reift wie Riserva und Gran Selezione: Beleg für den Fahrstuhleffekt? Ökonomisch ist es jedenfalls auch für Istine 2025 nach oben gegangen. „Es ist sogar besser gelaufen als 2024, das habe ich nicht erwartet“, berichtet Fronti.
Nach einem unsteten und doch positiven Jahr 2025 klingt es auch einige Kilometer weiter südwestlich bei Tregole in Castellina in Chianti. Hier produziert Sophie Conte seit 2015 auf inzwischen 5,5 Hektar rund 25.000 Flaschen: „Die US-Zölle haben den Markt zwar etwas ausgebremst, aber er ist zum Glück rasch wieder in Fahrt gekommen.“ 40 Prozent ihres Weins verkauft sie in die USA – und könnte dort wohl noch mehr absetzen: „Das Interesse für die handwerkliche Arbeit kleiner Winzerbetriebe wächst stetig“, berichtet Conte. „Deshalb möchte ich die Rebfläche gerne auf acht bis zehn Hektar vergrößern.“
Aktuell erzeugt Sophie Conte vier reinsortige Sangiovese. „Ich glaube, dass man die Einzigartigkeit der kargen Böden von Tregole am besten durch die klare Identität des Sangiovese erfassen kann“, begründet sie ihre Wahl. Alle drei Chianti Classico vergären in Zement, in dem auch die Annata reift. Die Riserva und Gran Selezione vom Esels-Weinberg werden in Tonneaux und großem Holzfass von sieben bis 16 Hektoliter ausgebaut: „Manche Jahrgänge brauchen großes, andere kleineres Holz“, weiß Sophie Conte. Vor allem aber sieht sie im Zementtank einen „guten Freund, der dem Wein bei seiner Entfaltung hilft“.
Maddalena Fucile kann sich durchaus vorstellen, dem Trebbiano eine Rolle an der Seite des Sangiovese einzuräumen, wie sie die Aligoté neben dem Pinot Noir im Burgund spielt: „Hier gibt es tolle Trebbiano-Weine, die Sorte ist aber noch zu wenig erforscht.“ Die Idee ist als Alternative zu Spumante und Rosé durchaus ernst gemeint. Doch von ihr ist Fucile noch nicht überzeugt. Stattdessen setzt auch sie auf Chianti Classico, seit sie 2016 die ersten Trauben kelterte. Bis dahin hat Wein in der Fattoria Cigliano di Sopra aus dem 14. Jahrhundert keine große Rolle gespielt. „Die Weinberge im äußersten Nordwesten des Anbaugebiets haben Wertschätzung verdient“, begründet Fucile ihren Entschluss, reinsortige Sangiovese- statt moderner IGT-Weine zu erzeugen.
Maddalena Fucile (links): reinsortiger Sangiovese statt modern produziertem IGT-Wein
Cigliano di SopraDie zehnte Weinlese wird im Herbst 2026 von sieben Hektar Reben etwa 25.000 Flaschen ergeben. 40 Prozent davon werden in Italien, der Rest in den USA und im nördlichen Europa abgesetzt. „Letztes Jahr hat uns der Umstand, dass vom Jahrgang 2023 wegen des Regens im Frühling ein Drittel weniger Wein zur Verfügung stand, mehr zu schaffen gemacht als die US-Zölle“, berichtet Fucile. „Trotzdem ist unser Kleinbetrieb stärker gewachsen als erwartet.“ Im Sommer 2026 kommt mit dem Jahrgang 2023 die erste Gran Selezione heraus. Sie stammt von einem erst 2016 gepflanzten Weinberg, der nur inoffiziell „Clos de la Madeleine“ genannt werden darf. „Wir sind vom Burgund begeistert und haben das Potenzial der jungen Reben rasch erkannt“, erzählt Fucile. „Sie werden in einem modernen Alberello-Stil erzogen, bei dem das Blattwerk die Trauben wie ein Schirm vor zu heißer Sonne schützt.“
Für die Gran Selezione werden die Trauben entrappt, für die Riserva komplett und für die Annata zu 30 Prozent mit den Stielen vergoren. Dafür kommen Stahl, Zement oder Holz zum Einsatz, der Ausbau erfolgt in Burgunder-Pièces, Tonneaux und großem Holzfass. „Je stärker sich ein Rebberg im Wein ausdrückt, desto weniger sollte man im Keller eingreifen“, erklärt Fucile. Dass kleines Holz für die einfacheren und große Fässer eher für die komplexeren Weine verwendet werden, unterstreicht diese Philosophie.
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Sofia Ricasoli mit ihrem Projekt Innesto (Veredelung). Die beiden 2025 mit Erfolg vorgestellten Weine könnten unterschiedlicher kaum sein. Für die 16.000 Flaschen Chianti Classico Riserva 2021 reift reinsortiger Sangiovese in Tonneaux und großem Holzfass. Die 3.600 Flaschen Innesto N.01 hingehen enthalten neben Sangiovese der Jahrgänge 2021, 2022 und 2023 auch etwas Merlot des Jahrgangs 2021. Alle Weine sind erst separat vinifiziert und im Herbst 2024 in einem 30-Hektoliter-Fass verschnitten worden. „Die harmonische Verbindung des ausgewogenen 21er-, sehr heißen 22er- und viel zu nassen 23er-Jahrgangs könnte interessant sein, um den immer extremeren Schwankungen durch den Klimawandel zu begegnen“, erklärt Ricasoli.
Die Annata soll der Innesto N.01 beim Chianti Classico aber ebenso wenig ersetzen, wie er ein neuer „Supertoskaner“ sein will: „Der Innesto will nicht super, sondern ein neuer, junger, zeitgenössischer Wein sein, der zu meiner Geschichte gehört“, bekräftigt die Nachfahrin von Bettino Ricasoli, der im 19. Jahrhundert die „Formel“ für diesen Wein erfunden hat.
Nachdem Sofia als Rechtsanwältin in Mailand einen Weg außerhalb des von Vater Francesco geführten Weinbau-Unternehmens eingeschlagen hat, kehrt sie immer öfter nach Monti in Chianti im Süden des Anbaugebiets zurück, um sich den rund 15 Hektar Reben um das Bauernhaus Santa Lucia zu widmen, in dem sie aufgewachsen ist. Diese Nische macht es ihr möglich, unbeschwerter mit neuen Ideen zu experimentieren, als es die Identität der Marke Ricasoli zulässt.
Zusammenarbeit, Typizität und Reinsortigkeit, Einzellagen und Biodiversität schälen sich als verbindende Elemente zwischen den fünf Weinfrauen heraus. Mit Experimentierfreudigkeit und Respekt für das Anbaugebiet könnten sie erklären, weshalb im Chianti Classico auch Kleinbetriebe der Krise erfolgreicher trotzen als anderswo. Dabei zeichnet sich eine vorsichtige Entwicklung weg von Schlossweinen im Bordeaux-Stil und hin zu Lagenweinen im Burgunderstil ab – im Bewusstsein, dass der Sangiovese kein Pinot Noir ist, aber von Zement und großem Holz deutlich profitiert.