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Griechenland produziert Wein seit Jahrtausenden. Aber erst, als die Wirtschaft zusammenbrach, fand das Land zu seinem eigenen Stil. Die Krise als Befreiung, danach eine Renaissance der Weinkultur. Ein Vorbild?

Patrick Hemminger
arbeitet als Autor, Podcaster und Blogger zu Wein und Kulinarik

Marie-Madeleine Lorantos zündet sich eine dünne Zigarette an und deutet mit ihr auf die Straße vor der Bar. „Alle Geschäfte dort waren dunkel“, sagt sie leise, „jedes einzelne.“ Es ist das Jahr 2012, das schlimmste Jahr der griechischen Finanzkrise. Arbeitslosigkeit und Armut sind auf dem Höhepunkt – und genau jetzt eröffnet sie das Heteroclito, die erste ernstzunehmende Weinbar Athens. Doch niemand kommt. Zu ungewohnt, zu neu, zu schwer zu begreifen: ein Gasthaus mitten in Syntagma, das nur griechischen Wein ausschenkt – und zwar nicht das Übliche aus der Taverne, sondern den anderen. Inzwischen ist das Heteroclito „the place to be“, wenn es in Athen um Wein geht. Jetzt gibt es auch einen Weinladen, daneben gleich die nächste Bar. Und wer abends einen Tisch bekommen will, sollte früh reservieren.

 

Der Biowinzer Apostolos Thymiopoulos gilt in Griechenland als der Star des Xinomavro. Er exportiert inzwischen 90 Prozent seiner Produktion.

Thymiopoulos

Was die Welt kennt, lässt sich verkaufen – was für ein Irrtum

Griechischer Wein ist so alt wie Europa: um 6500 vor Christus seine ersten Spuren, dann die osmanische Herrschaft, der Bürgerkrieg, die Genossenschaften der Nachkriegszeit, der Retsina für Touristen. Als junge griechische Önologen in den 1980er Jahren von der Universität in Montpellier zurückkehrten, pflanzten sie erst mal Cabernet Sauvignon und Merlot. Was die Welt kannte, würde sich auch verkaufen lassen. Das war ein Irrtum. Die Krise hat ihn beendet. 2008 rasselten die Traubenpreise in den Keller. Wer Wein verkaufen wollte, musste exportieren. Und wer das tat, erkannte schnell: Mit griechischem Merlot steht man im Weltmarkt-Vergleich ziemlich schlecht da. Mit Xinomavro nicht. Den kann man nirgendwo sonst kaufen. Der Name setzt sich zusammen aus „xino“ für sauer und „mavro“ für schwarz. Wer ihn zum ersten Mal im Glas hat, sollte sich Zeit nehmen. Viel Säure, ausgeprägte Tannine, helle Farbe trotz des Namens, rote Früchte, Sauerkirsche, eine Spur Tomate, etwas Olive. Nicht sofort charmant. Aber mit Geduld und dem richtigen Produzenten: unvergesslich.

Apostolos Thymiopoulos hat sich diesem Vergessen mit aller Entschiedenheit entgegengestellt. Als er 2003 das Weingut seines Vaters in Naoussa übernahm, vier Hektar im nördlichen Griechenland, war Xinomavro außerhalb des Landes so gut wie unbekannt. Kein Importeur hatte Interesse an kleinen griechischen Weingütern, die international niemand kannte und die ohnehin keine verlässlichen Mengen liefern konnten. Thymiopoulos fuhr trotzdem los. 8.000 Flaschen im Gepäck, keine Website, kein Social-Media-Auftritt. „Mein Plan war ganz einfach“, sagt er, „ich wollte den besten Wein Griechenlands machen.“

 

„Griechischer Wein ist keine Mode, sondern unsere Sprache“

Heute produziert er über eine Million Flaschen, mehr als 90 Prozent davon verkauft er im Ausland. „Griechischer Wein ist keine Mode“, sagt er zum Abschied. „Er ist unsere Sprache. Und wir lernen gerade, sie besser zu sprechen.“

Naoussa ist Xinomavro-Land, fast ausschließlich. 350 Hektar klein ist die Appellation, 56 davon bewirtschaftet Thymiopoulos allein. Das Klima überrascht alle, die Griechenland nur als Insel und Sommer denken: kontinentaler als erwartet, kühl genug für echte Frische.

Griechenland ist nicht ein Weinland, sondern viele. Santorini mit seinen vulkanischen Böden und wurzelechten alten Reben ist ein eigenes Universum: Der Assyrtiko ist salzig, straff, langlebig, aber seine Erträge so niedrig, dass die Fläche unter dem Tourismusdruck langsam schwindet. Der Peloponnes bringt mit Nemea und Agiorgitiko den zugänglichsten großen Rotwein hervor. Kreta entdeckt Vidiano und Liatiko – es sind Sorten, die vor zehn Jahren kaum jemand kannte. Kefalonia hat Robola, zitrisch und kalkig, die man fast nur dort bekommt.

Mehr als 350 einheimische Rebsorten. Rund 30 werden in nennenswertem Umfang angebaut. Reichtum und zugleich ein Erklärungsproblem.

Panagiotis Papagianopoulos ist ein stiller Mann. Sein Weingut Tetramythos liegt auf 800 bis 1.000 Metern Höhe im Norden des Peloponnes, die Reben sind alt und knorrig, kein Traktor kommt hinauf. Im Süden schirmen hohe Berggipfel die Hitze aus Afrika ab, vom Golf von Korinth kommen kühle Winde. „Von dort bringen sie immer ein wenig Salz mit“, sagt Papagianopoulos. Die Weine schmecken kühl, salzig und elegant. 330.000 Flaschen pro Jahr – doch dreimal so viel könnte er verkaufen.

Dennoch schaut er besorgt in die Zukunft. Früher war jedes Jahr in Griechenland gut oder sehr gut. Dann blieb der Regen aus. „Wie lange mag das noch gut gehen?“, fragt er. Vicky Aslanis, die mit ihrer Schwester ein Weingut in Makedonien führt, kennt das Gegenmittel: „Die alten Rebsorten kommen mit den schwieriger gewordenen Bedingungen eindeutig besser klar.“

 

Marie-Madeleine Lorantos (l.) eröffnete die erste Weinbar Athens – mitten in der Finanzkrise des Landes.

Madeleine Koumanis

Der Klimawandel schließt den Kreis

Genau das ist der Punkt, an dem sich alles schließt. Griechischer Wein hat das Potenzial, zweierlei zu sein: altes Land und neues Weindenken. Die Krise hat die Winzer gezwungen, ihre eigenen Sorten zu nutzen. Das Klima zwingt sie jetzt zu ihren eigenen Systemen. Und der Handel belohnt immer mehr das, was man nirgendwo sonst bekommt.

Auf Xinomavro lässt sich nicht verweisen wie auf Nebbiolo in Italien – auch, wenn die Parallelen verführerisch sind. Assyrtiko ist kein griechischer Riesling. Wer Moschofilero über Muscat erklärt, hat zwar die Tür geöffnet, aber das Zimmer noch nicht betreten. Die Namen sind sperrig. Der Einstieg braucht Begleitung. Und er lohnt sich.

Im Heteroclito in Athen ist inzwischen kein Tisch mehr frei, an einem gewöhnlichen Dienstagabend. Marie-Madeleine Lorantos probiert alles, was die Winzer an ihren Tischen ihr einschenken. Wenn es ihr gefällt, nimmt sie es ins Sortiment. Am Anfang musste sie erklären, was Säure und Tannin sind. Das ist heute nicht mehr nötig. „Griechischer Wein“, sagt sie, „war lange Zeit eine Sprache, die niemand sprechen wollte.“ Jetzt lernen sie immer mehr Menschen.

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