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Der deutsche Weinbau steht nach Einschätzung des neu gegründeten Vereins „Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau e. V.“ vor einer historischen Krise. Thomas Schaurer (Foto Mitte), Winzer und Gründer des Vereins, warnt in einer Pressemitteilung: „Die Bevölkerung muss erfahren, dass in wenigen Monaten 50 bis 60 Prozent aller Winzerfamilien in Deutschland der Bankrott droht.“
Gründe für die drohende Pleitewelle seien laut dem Verein die niedrigsten Großhandelspreise seit Beginn der Aufzeichnungen. Aktuell müssten viele Betriebe Fasswein für nur 40 Cent pro Liter verkaufen, obwohl die Erzeugung im Schnitt 1,20 Euro koste. „Wer kann sich leisten, über Jahre Verluste zu tragen?“, fragt Schaurer.
„Es geht nicht nur um Wein – es geht um unsere Landschaften, unsere ländlichen Räume, unsere Traditionen und nicht zuletzt um ganze Lebenswerke und Existenzen“, erklärt Schaurer. Wenn nichts geschehe, verliere Deutschland mehr als ein Produkt: „Wir verlieren ganze Kulturlandschaften, Erholungsräume – und mit ihnen Familienbetriebe, die über Generationen mit harter Arbeit aufgebaut wurden.“
Besonders bedroht seien Winzerinnen und Winzer ohne eigene Vermarktung – ihnen drohe „zu 99 Prozent das Aus“. Doch auch Direktvermarkter gerieten zunehmend unter Druck, da viele auch Weinberge für den Großhandel bewirtschafteten und durch langfristige Pachtverträge gebunden seien.
Um auf die dramatische Lage aufmerksam zu machen, hat die Initiative die bundesweite Kampagne „Dein Wein von hier“ gestartet. Sie soll für mehr Bewusstsein für Regionalität, Qualität und faire Preise im Weinbau sorgen. Ziel ist es, den Anteil heimischer Weine im deutschen Markt um mindestens fünf Prozent zu erhöhen – und das zu Preisen, die den Betrieben ein Überleben ermöglichen.
Die zentrale Forderung: Ein Mindesterzeugerpreis von 1,20 Euro netto pro Liter Fasswein, in kleineren Anbaugebieten mit erschwerten Bedingungen deutlich mehr. Zudem soll es keine Flasche Wein im Lebensmitteleinzelhandel unter 2,99 Euro geben. „Preise unterhalb dieser Schwelle kommen nur durch Ausbeutung zustande“, so der Verein. Niedrigpreise ruinierten nicht nur die Winzer, sondern stünden auch für einen bedenklichen Umgang mit dem Kulturgut Wein.
Der Verein richtet einen dringenden Appell an Politik und Bevölkerung: „Wenn wir jetzt nicht handeln, verlieren wir ein Kulturgut von unschätzbarem Wert“, mahnt Schaurer. Die Weinkultur in Deutschland sei Teil regionaler Identität – ob durch Straußwirtschaften, Weinfeste oder den Weinbau selbst. „Was passiert, wenn unsere Weinberge verschwinden? Dann verlieren wir nicht nur ein Jahrtausende altes Kulturgut – sondern auch ein Stück Heimat. Zurück bleiben verwilderte, brachliegende Flächen.“
Am Ende, so Schaurer, liege die Entscheidung bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern: „Wir akzeptieren jede Entscheidung, aber hoffen natürlich, dass sie sich für unsere Kultur, unsere Landschaften und letztendlich für unsere Zukunft entscheidet.“
Mitglieder des Vereins mit Sitz in Ingenheim (Rheinland-Pfalz) sind Winzerinnen und Winzer aus allen Anbaugebieten Deutschlands.
(ru)