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Eine kürzlich an der Hochschule Geisenheim vorgestellte Studie belegt die zentrale Rolle des Weintourismus für Wirtschaft, Lebensqualität und Kulturlandschaft im Rheingau. Die Untersuchung basiert auf Befragungen von Touristen an 13 Standorten und liefert nach 2018 erneut belastbare Daten zur Struktur und Wirkung des Weintourismus in der Region.
Die Ergebnisse zeigen, dass der Rheingau überwiegend von inländischen Gästen besucht wird, vor allem aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Nur etwa ein Viertel der Befragten besuchte während des Aufenthalts ein Weingut, für rund die Hälfte dieser Gruppe war Wein jedoch eine zentrale Reisemotivation. Gleichzeitig erfolgte fast ein Drittel der Weingutsbesuche spontan, was auf bislang ungenutzte Potenziale in der Besucherlenkung und Angebotsgestaltung hinweist.
Deutlich wird auch der wirtschaftliche Effekt: Gäste mit klarem Weinbezug geben pro Tag deutlich mehr aus als Besucher ohne Weingutsbesuch. Insgesamt wird die touristische Wertschöpfung im Rheingau auf rund 300 Millionen Euro jährlich geschätzt, etwa ein Fünftel davon ist direkt auf Weintourismus zurückzuführen. Neben der direkten Wertschöpfung stärkt der Weintourismus auch regionale Betriebe, Direktvermarktung und Beschäftigung.
Die Studie macht zugleich sichtbar, dass Wein für die meisten Gäste nicht das alleinige Reisemotiv ist. Natur, Landschaft, Gastronomie und Erholung stehen häufig im Vordergrund. Der Wein wirkt dabei als ergänzendes, identitätsstiftendes Element, das Aufenthalte verlängert und Ausgaben erhöht. Besonders relevant ist dies für Übernachtungsgäste, die im Rheingau deutlich höhere Umsätze generieren als Tagesgäste.
Diese Erkenntnisse lassen sich auf andere Weinregionen übertragen. Der Rheingau zeigt exemplarisch, dass Weintourismus weniger als isoliertes Spezialangebot, sondern als integrierter Bestandteil des regionalen Tourismus verstanden werden sollte. Erfolgsfaktoren sind eine gute Vernetzung von Weinwirtschaft, Gastronomie, Hotellerie und Tourismusorganisationen, leicht zugängliche Angebote sowie klare Zielgruppenansprache.
Auch für andere Regionen gilt: Spontane Besucherentscheidungen bieten Chancen, etwa durch bessere Sichtbarkeit von Weingütern, niederschwellige Angebote oder kombinierte Formate aus Naturerlebnis, Kulinarik und Wein. Gleichzeitig kann Weintourismus dazu beitragen, strukturelle Herausforderungen im Weinbau abzufedern und die regionale Wertschöpfung zu stabilisieren.
Die Studie unterstreicht damit den Weintourismus als wichtigen Zukunftsfaktor – nicht nur für den Rheingau, sondern als übertragbares Modell für Weinregionen, die ihre touristische Attraktivität stärken, neue Zielgruppen erreichen und regionale Identität wirtschaftlich nutzbar machen wollen.
Erst im Oktober 2025 hatte die Hochschule Geisenheim mit dem „Global Wine Tourism Report 2025“ die bislang umfassendste Analyse zum weltweiten Weintourismus veröffentlicht.
(ru – Bild: 123rf)