1985 wurde einer der größten Weinskandale der Welt aufgedeckt: Weingüter und Abfüller in Österreich und Deutschland hatten viele Millionen Liter Wein mit dem Frostschutzmittel Glykol sowie Flüssigzucker gesüßt. Die Folgen waren dramatisch.
Der Weinskandal löste die erste große Debatte der Neuzeit rund um die gesetzlich definierte Sicherheit und garantierte Herkunft von Lebensmitteln aus. Heute lässt sich sagen: Die „Mutter aller Lebensmittelskandale“, so eine Bezeichnung des „Welt“-Redakteurs Peter Schelling aus dem Jahr 2010, hat die Weinwelt zum Positiven verändert. Das Verständnis von Wein als Kulturgut und als hochwertiges Genussmittel hat sich seit damals stark verändert und weiterentwickelt.
Der Betrug war das Ergebnis einer jahrzehntelangen politischen und wirtschaftlichen Fehlentwicklung im österreichischen und im deutschen Weingeschäft. Anfang der 1970er-Jahre wollte niemand in der österreichischen Weinbranche wahrhaben, dass sich der Weinkonsum rückläufig entwickelte. Der Pro-Kopf-Verbrauch von über 45 Liter Wein pro Jahr und Einwohner zu Anfang der 1960er-Jahre ging unaufhaltsam zurück. Lediglich die Weinbaupolitiker wollten das nicht akzeptieren und ließen große Werbekampagnen starten. So wollten sie mehr Wein in die Kehlen der Konsumenten bringen und damit den Weingütern größere Absatzmengen garantieren. Das aber funktionierte nicht. Folglich kam es rasch zur Überproduktion von günstigen Alltagsweinen, die immer weniger gekauft wurden. Preisdumping war an der Tagesordnung.
Der Glykolskandal beherrschte im Sommer 1985 die Schlagzeilen in Österreich und Deutschland
Der SpiegelDie Produzenten dachten daher nach, wie man den Preis pro Liter anheben könnte. Die Lösung fanden österreichische Winzer in der damals ungebrochen hohen Nachfrage nach ihren Prädikatsweinen im Export. Sie landeten vor allem im deutschen Handel: Ab Mitte der 1970er-Jahre ging fast die gesamte Produktion von österreichischem Prädikatswein mit mehr als 200.000 Hektolitern pro Jahr nach Deutschland.
Das brachte einige Winzer auf eine Idee: Weine, wie sie der deutsche Handel verlangte, ließen sich einfach aus billigstem Tafelwein durch den Zusatz von Diethylenglykol zu hochwertigen Prädikatsweinen „veredeln“ – und zu guten Preisen verkaufen. Der nachgefragte Weintyp stellte zudem geradezu eine Einladung dar, möglichst viel Prädikatswein zu fälschen. Den panschenden Winzern machte die fachliche Unmündigkeit der Importeure und die Ahnungslosigkeit der Weinkonsumenten den Betrug sehr einfach – und risikolos. Darüber berichten Zeitzeugen auch in TV-Dokumentationen, die in den Mediatheken des ORF, der ARD und Arte zu sehen sind.
Zum Fälschen besonders gut eignete sich aus damaliger Sicht die Chemikalie Diethylenglykol, die zuvor üblicherweise als Frostschutzmittel und zum Enteisen von Flugzeugen zum Einsatz kam. Daher stammt auch die legendäre Bezeichnung „Frostschutzauslese“ des Magazins „Der Spiegel“ aus dem Jahr 1985. Diethylenglykol, kurz Glykol, wurde den österreichischen Weinen beigemischt, um die Extraktwerte zu erhöhen und minderwertige Tafelweine als hochklassige Prädikatsweine auszugeben. Zudem schmeckt Glykol süß und vollmundig, was den Erwartungen nach hohen Restzuckerwerten sehr entgegenkam. Die Manipulationen blieben jahrelang unentdeckt. Laut Gerichtsgutachten begannen die Panschereien bereits im Jahr 1978. Insider sprachen damals sogar von noch früheren Jahren, nur waren diese Weine bereits ausgetrunken.
Der Skandal beherrschte über Wochen die Schlagzeilen und Nachrichten: Ein Fälschungsverdacht folgte auf den nächsten.
Kleine ZeitungSeinen Lauf nahm der Skandal am 21. Dezember 1984, als ein bis heute anonymer Hinweisgeber eine „gepanschte“ Probe mit dem Hinweis auf verbotene Inhaltsstoffe in die Landwirtschaftlich-Chemische Bundesanstalt Wien brachte. Mit dem Ende Januar 1985 erbrachten chemischen Nachweis von Glykol im Wein begann das Requiem: Am 23. April 1985 informierte Landwirtschaftsminister Günter Haiden (SPÖ) die österreichische Öffentlichkeit über den Skandal. Dass der Glykolskandal bald auch den deutschen Markt erreichen und in seinen Grundfesten erschüttern sollte, lag aufgrund der riesigen Exportmenge nahe. Denn wenige Wochen nach Bekanntwerden des Skandals in Österreich zeigte sich, dass massive Mengen der gepanschten Weine auch in die Bundesrepublik Deutschland gelangt waren. Allein im ersten Halbjahr 1985 wurden rund 147.000 Hektoliter österreichischer Wein importiert. Wenige große deutsche Importeure, vor allem aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz, standen rasch im Fokus der Ermittlungen. Besonders betroffen waren der zum Abfüller Ferdinand Pieroth gehörende Niederthäler Hof in Rümmelsheim, die Weinkellereien Peter Lang und Walter Seidel in Alsheim sowie die Kellereien Oster in Cochem und Mertes in Bernkastel-Kues.
Die Behörden in Rheinland-Pfalz unter Leitung von Landwirtschaftsminister Otto Meyer (CDU) und später Dieter Ziegler (CDU) hatten erste Hinweise auf die Fälschungen am 25. April 1985 erhalten. Sie handelten aber zunächst nicht. Die deutsche Bundesregierung erfuhr von den Glykol-Funden erst am 7. Mai 1985 durch die Pressemitteilung der Verbraucherzentrale. Selbst das rheinland-pfälzische Weinbauministerium begann erst Anfang Juli mit flächendeckenden Untersuchungen. Als Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler (CDU) schließlich am 10. Juli 1985 offiziell die Öffentlichkeit warnte, war der Schaden längst geschehen: Viele Millionen Liter Wein waren betroffen, weshalb die Situation eskalierte. In Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern wurden unzählige Weine beschlagnahmt. Ab Mitte Juli versandte das deutsche Bundesgesundheitsministerium lange Listen der eingezogenen Glykolweine an Handelsverbände und Medien. Die Berichterstattung der Boulevard-Presse befeuerte die gesellschaftliche Panik weiter. Einer der medialen Höhepunkte war die Schlagzeile „Frostschutzwein bei Omas Geburtstag – 11 vergiftet“ vom 12. Juli 1985 in der Bild-Zeitung, die sich zwar als „Zeitungsente“ herausstellte, den wirtschaftlichen Schaden jedoch erst recht anheizte.
Zusätzliche Brisanz erhielt der Skandal, als bekannt wurde, dass auch rheinhessische Qualitätsweine über Jahre widerrechtlich mit österreichischen, glykolbelasteten Weinen verschnitten worden waren. Besonders standen wiederum das Pieroth-Tochterunternehmen Niederthäler Hof und die Kellerei Walter Seidel in der Kritik. Zunächst argumentierten die Verantwortlichen damit, dass es sich um „bloße Kontaminationen der Abfüllanlagen“ handle. Doch die Ermittlungen deckten rasch den systematischen Verschnitt über Jahre hinweg auf. Denn auch die deutschen Weingüter hatten gewaltige Weinmengen gepanscht: Zwischen 1974 bis 1978 wurden im Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer um 13 Prozent und in Rheinhessen um zehn Prozent mehr Prädikatswein amtlich geprüft als überhaupt geerntet, berichtete 2015 der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in einem Rückblick. Ein Beispiel: Der Winzerverein Irsch an der Saar vertrieb laut Bericht damals die fünfzehnfache Menge des normalen Ertrags der bekannten Weinlage "Ockfener Bockstein". Der Kellermeister erhielt für die Panscherei später eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten.
Zwischen 1985 und 1986 brach der österreichische Weinexport in die Bundesrepublik Deutschland um über 90 Prozent ein. Auch deutsche Weingüter litten massiv. Besonders stark betroffen waren die kleinen Familienbetriebe, die keine Verbindung zum Betrug hatten, aber kollektiv in Verruf gerieten. Bei einer Demonstration im August 1985 in Mainz machten rund 5.000 Winzer ihrem Ärger Luft und forderten ein Ende der laxen Importkontrollen. Die Transparente waren in klarer Sprache formuliert: „Helmut Kohl – Ehrenbürger in Österreich. Sind dir die deutschen Winzer gleich?“ hieß es in Anspielung auf die als zu lasch empfundene Reaktion des Bundeskanzlers. Politische Konsequenzen folgten: In Rheinland-Pfalz wurde Staatssekretär Ferdinand Stark entlassen, ebenso mussten einige hohe Beamte ihre Posten räumen. Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) musste sich im Landtag massiver Kritik der Opposition stellen. Der Vorsitzende der Oppositionspartei SPD, Rudolf Scharping, warf der Regierung vor, den Skandal verharmlost und verschleppt zu haben.
Die juristische Aufarbeitung zog sich über ein Jahrzehnt dahin. Rund 2.600 Strafverfahren wurden in den 1980er-Jahren an einer speziell eingerichteten Weinstrafkammer am Mainzer Landgericht verhandelt. Die Ermittler erhielten dabei tiefe Einblicke in die Fälscherszene: Während einer Gerichtsverhandlung verriet der Vorsitzende Richter laut dem WDR-Bericht das jahrelang gültige Rezept vieler Mosel-Winzer: „Man nehme 1.000 Liter Wein und einen 50-Liter-Kanister Flüssigzucker.“
So konnte die Strafkammer den Brüdern Schmitt aus Longuich (Mosel) ihre „kellertechnischen Verfeinerungen“ nachweisen. Mit mehr als 600 Tonnen Zucker fälschten die Weinhändler zwischen 1972 und 1980 rund zehn Millionen Liter Wein. Aus billigstem Tafelwein produzierten sie Spät- und Auslesen, ja sogar Trockenbeerenauslesen. Der geschätzte Gewinn aus diesen Fälschungen belief sich auf etwa zehn Millionen Mark. Am 4. März 1985 wurden Heinzgünter und Gerd Schmitt im bis dahin größten deutschen Weinpanscher-Prozess zu Gefängnisstrafen von fünf und vier Jahren verurteilt.
Doch die Ermittlungen liefen weiter. Besonders im Fokus der Öffentlichkeit stand später das Verfahren gegen die Kellerei Ferdinand Pieroth. Trotz Vorwürfen, dass zwischen 1978 und 1985 rund neun Millionen Liter Wein mit einem Marktwert von 137 Millionen Mark (rund 70 Millionen Euro) illegal verschnitten worden seien, endete der Prozess 1994 mangels nachweisbarem Vorsatz mit Verfahrenseinstellung gegen eine Geldstrafe in Höhe von rund einer Million Mark (rund 500.000 Euro).