Wein dekantieren ist oft entscheidend für den Genuss, das Hantieren mit der Karaffe aber ziemlich nervig. Ausgießer für den Flaschenhals versprechen Abhilfe. Sind sie eine echte Alternative? Wir haben’s getestet.
Das Dekantieren von Wein ist ein sehr sinnvoller Vorgang. Nur zur Grill-Party oder zum Fußballabend sieht es gelegentlich albern aus, mit einem riesigen Dekanter vor den Steaks zu hantieren. Die Alternativen sind aber nicht unbedingt besser: Viele Belüfter hält man mit der freien Hand beim Einschenken übers Glas. Sehr unpraktisch. Systeme mit Elektromotor versuchen, schneller und lässiger daherzukommen. „Die braucht man aber einfach nicht“, erklärt Filipe Costa, Sales Manager bei Coravin, wo aus Tradition nicht an Technik gespart wird. Er hat dazu eine Ingenieur-Weisheit parat: „Ein Produkt ist nicht perfekt, weil alles Mögliche eingebaut wurde, sondern, wenn man nichts mehr wegnehmen kann.” Das trifft ziemlich gut auf Weinbelüfter zu. Denn sie steckt der Weinfan einfach auf den Flaschenhals. Doch sind sie eine Alternative zum Dekanter?
Hier kommt unser Test-Szenario: Die Flaschen sind auf 18 Grad temperiert. Von jeder wird zuerst unbelüftet ein Glas eingeschenkt, dann ein Lüfter nach dem anderen aufgesteckt und immer das Volumen von 100 Gramm, genau gemessen mit der Küchenwaage, in mittelgroße Weingläser gefüllt. Danach haben wir die Weine blind verkostet, um den momentanen Eindruck zu bewerten. Auch, wenn wir mitunter relativ sicher waren, dass manche reduktive Töne nach ein paar Minuten verschwinden werden.
Sofort nach dem Test kam ein weiterer Schluck ins Glas. Wir gaben ihm 20 bis 30 Minuten Zeit an der frischen Luft, um sich ohne Hilfsmittel zu harmonisieren. Das lieferte uns den Vergleichswert, ob sich der gestetete Wein überhaupt an der Luft öffnet. So wurde für uns deutlich, was die Belüfter tatsächlich leisten.
Das Zwischenergebnis vorab: Relativ trinkreife Weine werden durch die Belüfter nicht besser, Fehltöne sogar eher deutlicher. Am meisten profitieren hochklassige Weine wie der Chardonnay von Viña Kosten und die 2012 Reserva von Tondonia.
Der Adhoc Airovin überzeugt mit hochwertiger Produktion.
AdhocFlüssigkeit in einer Röhre, die sich verengt, erzeugt kurz vor der schmalsten Stelle einen Unterdruck. Genau dort setzen die Hersteller in den Ausgießern eine Ein-Millimeter-Bohrung, durch die der Wein Luft ansaugt. Im Test schnitten diese Belüfter recht gut ab. Die meisten Weine legten im Aroma zu, etwa mit Feuerstein-Aromen, mal mit durchaus weicherem Tannin. Dieses Prinzip heißt im Fachjargon „Venturi-” oder „Bernoulli-Effekt” und ist benannt nach den Physiker-Brüdern, die dazu die passende Gleichung aufstellten. Beide Namen klingen fürs Marketing richtig gut, weshalb es solche Ausgießer gibt wie Sand am Meer. Wichtig ist dabei aber vor allem die gute Verarbeitung: Wenn die Röhrendurchmesser nicht im exakt richtigen Verhältnis zueinander stehen, funktioniert das Prinzip nämlich nicht.
Der Belüfter von Ebrosia ist dem von Adhoc sehr ähnlich gestaltet, wird aber deutlich günstiger produziert.
EbrosiaBesonders gut gefallen haben uns zwei Modelle: Beim Airovin von Adhoc kann man genau beobachten, wie der Wein durch die konische Acryl-Röhre fließt und eine feine Kette kleiner Luftbläschen mitreißt. Ein Edelstahlsieb scheidet eventuell vorhandenes Depot ab. Alles wirkt hochwertig, der Weinfan bekommt viel Belüftung fürs Geld. Das Modell des Weinhandels Ebrosia ist sehr ähnlich gestaltet, dafür wurde in der Gestaltung und Produktion gespart. Er wirkt nicht so edel wie der Adhoc-Belüfter, ist aber dennoch solide gemacht – und funktioniert ebenso gut.
Der Adhoc eignet sich für Weinfans, die es unkompliziert lieben und ein hübsch gestaltetes Werkzeug in der Schublade liegen haben wollen. Der Ebrosia ist genau richtig für kühle Rechner mit Sinn fürs Wesentliche.
Elegant gestaltet, aber kein Belüftungswunder: Der Verseur Feuille vonL‘Atelier du Vin
L‘Atelier du VinAm einfachsten belüftet man, indem der Wein über eine etwas weitere Fläche läuft, die man zusätzlich wellig gestaltet, um ihn möglichst aufzuwirbeln. Davon ging auch der Edel-Anbieter L‘Atelier du Vin aus. „Verseur Feuille“ heißt, wörtlich übersetzt, schlicht „Blattausgießer“.
Während der Wein über das satt verchromte Blatt rinnt, sollen stilisierte Adern darin den Wein weiter belüften. Der Oxidationseffekt ist spürbar, aber nicht eindrucksvoll. Im Durchschnitt waren die getesteten Weine etwas angenehmer zu trinken als unbelüftet. Material und Verarbeitung sind hochwertig. Und es sieht hübsch aus, wenn der Wein über das silberne Blatt mäandert. Das Eingießen macht jedenfalls viel Spaß.
Wer beim Weingenuss auf der Terrasse noch einen ästhetischen Touch mit Bezug zu draußen mag.
Nützlicher Helfer für den schnellen Einsatz: Peugeot Aros
PeugeotBeim Aros ragt ein Silikonröhrchen relativ weit in den Flaschenhals hinein, verengt den Durchfluss und hat seitlich Schlitze. Sie verwirbeln den Wein mit der Luft, die beim Ausgießen einströmt. Das klappte bei fast allen Weinen sehr gut, förderte brillante Fruchtnoten und harmonisierte das Tannin. Der Aros ist ein kleiner, aber feiner Helfer für schnelle Einsätze. Außerdem hält er Tropfen zurück – ein angenehmer Zusatznutzen.
Gourmet-Pragmatiker, Technikfans und Perfektionisten
Coravin Timeless ist ein ergänzender Belüfter, der im Test positive Ergebnisse erzielte. Günstig ist er allerdings nicht.
CoravinMit dem Coravin-System zapft man Wein aus einer ungeöffneten Flasche und ersetzt die Fehlmenge durch Argongas. Der Timeless-Belüfter eignet sich nur für den Einsatz mit Coravin. Er wird direkt auf den Ausguss des Systems gesetzt und soll eine Dekantierzeit von 60 bis 90 Minuten ersetzen. Schließlich liegt der Wein in der Flasche in völlig reduktiver Umgebung, muss also ordentlich durchlüftet werden. In einem System von Röhren „wird der Wein in immer kleinere Ströme aufgeteilt“, erklärt Verkaufsleiter Filipe Costa, “und das vergrößert die Oberfläche extrem“. Warum das anders als übliche Belüfter funktioniert, will er uns aber nicht verraten. Am Ende sprühen jedenfalls Tröpfchen aus dem Timeless, die den Spitznamen „Regendusche“ rechtfertigen würden.
Bei mehreren halbvollen Flaschen, die seit Tagen mit Argongas aufgefüllt waren, registrierten wir im Test einen positiven Effekt auf gleichmäßig hohem Niveau. Die Perfektion hat auch allerdings ihren Preis. Wer das Coravin-System schon nutzt, wird’s verschmerzen.
Ungeduldige Coravin-Nutzer
Die kurvenreichen Helfer sind praktisch und lassen sich ohne langes Herumfummeln einsetzen. Die meisten Weine profitieren auch zumindest ein wenig davon. Tannine werden weicher, die Frucht präsenter, Aromen expressiver. Die ausgeklügelten Systeme haben dabei die Nase vorn. Andererseits: Die Unterschiede sind nicht gravierend. Doch Unterschied ist wichtig: Ist der Wein einmal in den Dekanter umgefüllt, lässt sich das Belüften mehr rückgängig machen. Dafür kann man den Effekt auf den Wein in der Karaffe über die Zeit genau beobachten. Für die feinsten Weine ist das meist die bessere Lösung.
Bei allen Belüftern ist die Oxidation nicht dosierbar, wie etwa beim Hightech-Gerät Aveine, das wir vor einiger Zeit getestet haben. Daher bleibt es ein bisschen Glückssache, wie sehr man dem Wein tatsächlich auf die Sprünge hilft. Ein klares Plus bei fast allen Belüftern ist der schlanke Preis.
Bei sehr alten Weinen ist aber ohnehin Vorsicht geboten. Bei raren Schätzen empfiehlt sich eher - wenn überhaupt - das vorsichtige Dekantieren aus der guten, alten Karaffe mit fein getaktetem Probieren. Doch solche Weine serviert man ja auch nicht zum Grillen oder zum Champions-League-Finale.