Der Autor Ilija Trojanow über seine Faszination des Weins, die Bedeutung des Rauschs, die Verbindung von Winzern und Schriftstellern – und warum Wein nur dann gut ist, wenn er ein Gespräch möglich macht.
Der 1965 in Sofia geborene Ilija Trojanow ist einer der bekanntesten und wichtigsten deutschsprachigen Autoren, seine Bücher sind in 31 Sprachen übersetzt worden – und er ist ausgebildeter Sommelier. Sein aktuelles Werk „Ein Glas voller Zeit – von einem Winzer und seinem Wein” (Residenz-Verlag, 18 Euro) hat Trojanow seinem Freund Reinhard Löwenstein gewidmet. Dieser betrieb bis Ende 2025 das Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen an der Mosel und gehört zu den einflussreichsten Winzern in Deutschland. Der Schriftsteller eröffnet im Buch dem Zugang zum Wein neue Perspektiven zwischen Faszination und Philosophie, Rausch und Literatur sowie Genuss als Gespräch.
Sie beschreiben in „Ein Glas voller Zeit“ ihre ersten Begegnungen mit einfachen Weinen in ihrer Familie. Wie kam es zur Sommelier-Ausbildung?
Ilija Trojanow: Als ich in Kapstadt an meinem Roman „Der Weltensammler“ arbeitete, sah ich, dass man Kurse an der Cape Wine Academy zur Sommelier-Ausbildung machen konnte. Ich dachte, das sei ein perfekter Ausgleich für jemanden wie mich, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt. Es war dreimal die Woche ein Abendkurs und etwas ganz anderes. Die Umgebung von Kapstadt mit den sehr alten Weingütern war auch sehr inspirierend.
Haben Sie jemals als Sommelier gearbeitet?
Ilija Trojanow: Nein. Ich wundere mich immer, dass bei Schriftstellern vorausgesetzt wird, dass sie Geld mit einer anderen Tätigkeit verdienen müssen. Schreiben ist ein Vollzeitjob. Romane entstehen durch tägliche Arbeit, das ist die Ähnlichkeit mit dem Weinbau.
Hat diese Beschäftigung mit Wein ihre Arbeit beeinflusst?
Ilija Trojanow: Ich habe in diesem Kurs überraschenderweise festgestellt, dass es erhebliche Verbindungen zwischen Wein und Literatur gibt. Nicht im Sinne von „das Leben feiern“, sondern: Wie man aus vorgegebenen Materialien etwas erschafft. Dem Winzer gibt die Natur ein Ausgangsmaterial vor, an und mit dem er arbeiten muss. Beim Schriftsteller ist es die Tradition der Sprache. Vieles beim Weinmachen ist handwerkliche Kompetenz. Aber es gibt auch immer wieder Momente, bei denen man eine Vision oder eine eigene Idee haben muss.
Müssen Winzer auch Geschichtenerzähler sein?
Ilija Trojanow: Es wird oft unterschätzt, wie wichtig Narrative sind, auch und gerade beim Wein. Viele der weltbekannten Weine sind derart erfolgreich, weil sie mit einem bestimmten packenden, überzeugenden Narrativ einhergehen.
In „Ein Glas voller Zeit“ beschäftigt sich Ilija Trojanow mit der Faszination Wein.
Residenz VerlagStichwort Geschichten: Sie setzen sich in Ihrem Buch kritisch mit Begriffen wie biologisch oder biodynamisch auseinander. Warum?
Ilija Trojanow: Unsere gesamte industrielle Landwirtschaft ist extrem belastet. Da werden sehr viele Dinge gemacht, die uns und der Natur nicht guttun. Gleichzeitig gibt es aber Nischen, wo wir päpstlicher als der Papst sein wollen. Die Leute denken: Hier ist die ökologische oder biodynamische Landwirtschaft und die ist gesund, und dort ist die böse industrielle Landwirtschaft. Das stimmt einfach oft nicht. Es gibt Konstrukte von Reinheit, die sich gut anhören, aber mit der Komplexität der Weinproduktion nichts zu tun haben. Mein Freund Reinhard Löwenstein hat mich immer wieder auf solche Widersprüche hingewiesen. Aber grundsätzlich begrüße ich jeden Schritt zur Naturnähe – wenn er denn tatsächlich die Gesamtbelastung verringert und nicht an anderer Stelle mehr Belastung verursacht. Wir müssen unsere Vorstellung von „Was ist Natur, was ist Kultur? Was ist Provinz, was ist Stadt?“ aktualisieren. Denn die Frage ist erheblich komplexer, als wir meist annehmen.
Romantisieren wir Wein zu sehr?
Ilija Trojanow: Wir Menschen haben die organische Verbindung zur Natur verloren. Wir sind aus einem Paradies der Harmonie mit der Natur vertrieben worden, und seit dem späten industriellen Kapitalismus dominiert die Technik unser Leben. Und jetzt sehnen wir uns zurück nach einfachen Möglichkeiten. Auf Englisch heißt das Modewort „reconnection“. Wir bilden uns ein, mit dem Wein wieder eine Verbindung zur Natur schaffen zu können. Das wird von den Narrativen befeuert, denn wir sehen ja in der Werbung immer Bilder purer Romantik: Weinberge im Sonnenuntergang oder Holzfässer im Ziegelgewölbekeller. Niemand zeigt Fotos von der teilweise sehr industriellen Kellerwirtschaft.
Sie gehen in ihrem Buch auch auf das Phänomen Rausch ein. Wohnt der Wunsch nach Berauschung uns Menschen inne?
Ilija Trojanow: Nicht nur uns Menschen. Auch Tiere suchen vergorene Früchte sicher nicht nur, um sehr energiereiche Nahrung zu bekommen. Denken wir an den derzeit berühmtesten Menschen der Welt, der keine Drogen nimmt: Donald Trump. Wer möchte behaupten, dass er nicht nach einem anderen Rauschmittel süchtig ist? Er berauscht sich an seinem Ego. Also: Der Mensch findet immer Formen der Berauschung. Mir ist jemand lieber, der täglich ein wenig Wein trinkt, als jemand wie Donald Trump, der alles auf sich kanalisiert. Auch Abstinenzler erzählen ja von einer Art des „High“, dem Rausch des Nüchternseins. Es gibt immer Momente, in denen man sich über die engen Grenzen der alltäglichen Routine erheben will, und dahin gibt es unterschiedliche Wege.
Der Titel des Buchs deutet darauf hin, dass Wein ein Speicher der Zeit ist. Ist das seine faszinierendste Eigenschaft?
Ilija Trojanow: Ein gereifter Wein kann ein Spiegel der Zeit sein. Man denkt: Was war in diesem Jahr los? Was ist in meinem Leben seither passiert? Und: Wein wächst ja auf zum Teil uralten Böden. Er könnte einem also ein Gefühl für planetarische Zeitläufe und Erdgeschichte geben. Zum Beispiel Muschelkalk. Man sollte sich beim Trinken eines solchen Weins fragen: Was ist das, und warum wächst heute dieser Wein darauf? Man könnte sich dabei vorstellen, wie unsere Vorfahren einst aus dem Meer gekrochen sind und zu Landtieren wurden. Wie ich im Buch geschrieben habe: „Ein Wein, der die Zeitläufe nicht widerspiegelt, ist ein scheintoter Wein.“
Ilija Trojanow in Andalusien.
José OliverWelche Weine bevorzugen Sie persönlich?
Ilija Trojanow: Grundsätzlich schätze ich in Musik, Literatur und Gesprächen die Herausforderung und Komplexität. Also Kunstwerke, die mich zuerst ein bisschen verblüffen und irritieren, an die ich mich erst gewöhnen muss. Mit Gefälligkeit kann ich nichts anfangen, die ergibt keine Überraschungen. Auch in der Literatur entsteht der Genuss nicht aus der Poesie, sondern im Dialog zwischen mir und der Poesie. Ich finde daher Weine grandios, in die ich mich nicht beim ersten Schluck schon verliebe. Wo ich den ersten Eindruck hinterfragen muss und die am nächsten Tag ganz anders schmecken. Daher mag ich Riesling-Weine besonders gerne. Ich habe auch in Georgien grandiose Weine getrunken. Aber dort stehen sie in einer jahrtausendealten Tradition. Ich bin ein wenig skeptisch, wenn jemand hier Weine in Amphoren macht.
Mit Gefälligkeit kann ich nichts anfangen
Muss man für Genuss bereit sein?
Ilija Trojanow: Wenn man nicht dazu bereit ist, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, um in ein Gespräch zu treten, wird man damit nichts anfangen können. Mit Wein ist es das Gleiche. Und dieses Gespräch ist niemals vorhersehbar. Es entwickelt sich je nach meinen Prägungen und meinen Launen. Welche Tageszeit ist gerade, wo komme ich her, habe ich mich mit meinem Partner gestritten – das alles spielt eine Rolle.
Aber können alle Weine dieses Gespräch eröffnen?
Ilija Trojanow: Industrielle und überschminkte, austauschbare Weine nicht. Es ist wie bei Menschen: Wie soll man mit jemandem reden, der nur vorgefertigte Stanzen von sich gibt? Wie soll sich daraus etwas entwickeln, das mich überrascht und bereichert? Auch beim Wein ist das einzig Entscheidende für mich, ob er so ein Gespräch ermöglicht. Das können Weine für zehn Euro sein, aber es gibt Weine für 200 Euro, bei denen dies nicht möglich ist.
Hat es Sie nie gereizt, selbst Wein zu machen?
Ilija Trojanow: Reinhard Löwenstein hat einmal gesagt: „Das Dümmste, was man als Weinfreund tun kann, ist, eigenen Wein zu machen. Man soll lieber das Geld zu einem Weinbauern bringen und sagen: Mach mir ein paar Flaschen oder ein Fass.“ Ich bilde mir ein, in der Literatur auf höchstem Niveau zu arbeiten. Daher bin ich skeptisch, wenn jemand zu mir kommt und sagt: Ich schreibe jetzt auch einen Roman. Dilettantismus ist nett, wenn man sich die Zeit damit vertreiben will, aber nicht als ernsthafte Beschäftigung. Also: Nein, ich schreibe lieber Bücher über Wein.
Der gebürtige Bulgare ist Schriftsteller, Verleger und Übersetzer. Er lebte in Afrika, Indien, Deutschland und Österreich, war Gastprofessor an mehreren Universitäten und wurde vielfach ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in 31 Sprachen übersetzt.