Axel Heinz hat Ornellaia und Masseto weltberühmt gemacht, seit 2023 ist er Direktor von Château Lascombes im Bordelais. Mit Alexander Lupersböck sprach er über seine Pläne mit Weißwein und Merlot.
Es erzeugte ein Aufhorchen in der internationalen Weinszene, als der gebürtige Deutsche Axel Heinz nach 17 Jahren als Weinmacher die Tenute Ornellaia***** und Masseto in der Toskana verließ. Schließlich hatte er beide Weine weltberühmt gemacht, sie gehören heute zu den gefragtesten und teuersten Italiens. Mehrfach erhielten sie Höchstwertungen von internationalen Weinkritikern.
Seit 2023 ist Heinz der Direktor des Bordeaux-Château Lascombes***. Für ihn ist es wie eine Heimkehr: Er hat an der Universität von Bordeaux studiert und in St. Émilion gearbeitet, bevor er in die Toskana ging. wein.plus erzählt er über die Unterschiede zwischen Bolgheri und Margaux, Weißwein und die Zukunft des Merlot.
Erste Aufgabe von Axel Heinz auf Lascombes war das Kennenlernen jeder einzelnen Parzelle
Chateau LascombesDu hast deine zweite Ernte auf Château Lascombes eingebracht. Was waren deine ersten Erkenntnisse?
Axel Heinz: Die beiden Jahrgänge kamen für mich in der richtigen Reihenfolge. 2023 erinnert mich mit ein paar Hitzewellen an die Toskana. Da hatte ich das Gefühl: So anders ist es ja gar nicht. Mein Glück war, dass die Ernte fünf Wochen dauerte. Dadurch hatte ich Zeit, um Dinge zu beobachten, mich auf bestimmte Parzellen zu fokussieren und Details zu regeln. Das geht nicht, wenn man schnell ernten muss. 2024 war ein Jahrgang mit atlantischem Klima und viel Regen, also typisch für Bordeaux. Für mich war das eine interessante Erfahrung, weil eine ganz andere Reife-Dynamik herrschte, als ich das in den vergangenen 18 oder 20 Jahren gewohnt war.
Wie bist du damit umgegangen?
Axel Heinz: Ich musste wieder mehr Gefühl dafür entwickeln, was der Grad an Mindestreife ist, den wir erreichen müssen. In den vergangenen beiden Jahrzehnten war meine Herausforderung: Wie reif dürfen die Trauben sein, bevor die Weine ihr Gleichgewicht und ihre Trinkbarkeit verlieren? 2024 war genau entgegengesetzt: Wie wenig Reife ist notwendig, damit man hochwertige und charaktervolle Weine erzeugen kann?
Hast du irgendetwas verändert oder Impulse gesetzt?
Axel Heinz: Ich wollte herausfinden, wo auf diesem recht ausgedehnten Besitz des Weinguts das Kernstück liegt. Château Lascombes hat über 80 Hektar Weinberge. Wir haben uns die verschiedenen Terroirs und Aufzeichnungen angeschaut, um zu erkennen, wo die Weinberge lagen, als Lascombes im Jahr 1855 zum Deuxième Cru klassifiziert wurde. Wir haben nun einen Hauptweinberg definiert, aus dem der Erstwein kommen muss. Danach haben wir eine Logistik geschaffen, um jede einzelne Parzelle zum perfekten Zeitpunkt zu ernten und separat verarbeiten zu können. Wir müssen dabei so detailliert wie möglich arbeiten und dürfen nicht sagen: Wenn wir jetzt starten, müssen in den nächsten Tagen alle Trauben eingebracht werden. Man muss auch mal warten können.
Die neue Kellerei von Château Lascombes
Chateau LascombesHast du etwas an der Vinifikation verändert?
Axel Heinz: Auf Lascombes hat man einen eher opulenten, extrahierten Stil gepflegt. Ich wollte wieder etwas mehr Klassizismus, etwas mehr Margaux-Charakter. Dabei bin ich mit solchen Verallgemeinerungen sehr vorsichtig. Denn sonst ist man nicht offen für das, was der Jahrgang oder der Weinberg hergeben. Klar sollte ein Margaux idealerweise duftig sein und viel Schmelz bieten, aber es ist auch möglich, Kraft und Fülle in den Weinen zu haben. Wir dürfen uns nicht darin verbeißen, dass hier alles filigran sein muss, und am Ende nicht den bestmöglichen Wein des Jahrgangs machen. Als ich kam, war die neue Kellerei auf Lascombes zum Glück schon fertig.
Zwischen Ornellaia und Lascombes gibt es Gemeinsamkeiten: die Rebsorten, die Nähe zum Meer. Was konntest du mitnehmen?
Axel Heinz: Von Ornellaia habe ich die Erfahrung, mit Trockenheit und Hitzewellen umzugehen, also auch bei hohen Alkoholgraden ein Gleichgewicht zu finden. Auch eine Traube mit einem potenziellen Alkoholgehalt von 14 Volumenprozent muss noch nicht perfekt reif sein. Die Gratwanderung, bei genügend Reife den Alkoholgehalt nicht ins Uferlose ausschweifen zu lassen, kenne ich aus Bolgheri. Mit dem Reifegrad der Trauben, die wir heute haben, können wir weitaus einfacher vinifizieren als noch vor zehn oder 15 Jahren. Wir arbeiten nun mit möglichst wenig Eingriffen. Wir sind überzeugt, dass das für die Transparenz und Trinkbarkeit der Weine besser ist. Denn wenn man dabei ein bisschen zu stark aufs Gaspedal tritt, verlieren die Weine diese natürliche Balance, die wirklich große Weine ausmacht. Das Dritte ist, dass es nicht nur darum geht, den bestmöglichen Wein zu machen. Auch die Art, sich zu präsentieren und zu vermarkten, ist enorm wichtig. Nur so wird ein Weingut, das große Weine produziert, auch als solches erkannt.
Wie bewertest du als Merlot-Spezialist die These, dass es in Bordeaux für diese Rebsorte bald zu heiß sein wird?
Axel Heinz: Es wird weniger Merlot geben. Das Bild, das wir uns vor 30 Jahren von Cabernet Sauvignon und Merlot gemacht haben, ändert sich vollständig. Damals hat man vom Merlot mehr Regelmäßigkeit erwartet. Er wurde immer mit guten Erträgen ausreichend reif. Im heutigen Klima hat sich der Cabernet Sauvignon zur regelmäßigeren Sorte gewandelt, weil er den drastischen klimatischen Schwankungen besser gewachsen ist. Ich muss heute den Merlot so behandeln wie vor 30 Jahren den Cabernet. Wir sollten ihn nur dort anpflanzen, wo es genug Kalkstein und Lehm gibt, ohne zu intensive Sonneneinstrahlung, und wo er keinen Trockenstress erleidet. Man muss die Unterlagen, die Pflanzdichte und die Ausrichtung der Rebzeilen anpassen. Wir müssen viel präziser arbeiten und uns an hohe Alkoholgrade gewöhnen. Aber immerhin habe ich fast 20 Jahre lang Merlot an einem Ort kultiviert, wo es auf dem Papier schon damals nicht hätte möglich sein sollen.
Wirst du Anpassungen in den Weinbergen vornehmen?
Axel Heinz: Ja. Wir haben, wie alle Weingüter in Bordeaux, ein Programm für Neuanpflanzungen. Dabei konzentrieren wir uns aber nicht unbedingt darauf, die ältesten Weinberge zu erneuern. Denn sie sind unsere „Signature“-Weinberge, und sie sind immer noch recht fit. Wir werden eher dort erneuern, wo die Rebsorte nicht perfekt an den Standort angepasst ist. Lange Zeit war Merlot die wichtigste Sorte auf Château Lascombes. Aber davon werden wir in Zukunft weniger haben. In manchen Zonen werden wir Cabernet Sauvignon und auch Cabernet Franc pflanzen.
Wie sieht es auf Château Lascombes mit biologischem und biodynamischem Anbau aus?
Axel Heinz: Das ist ein mittelfristiges Thema. Rund 40 Hektar unserer Rebflächen werden biologisch bearbeitet. Doch in den vergangenen beiden Jahren ging es vorrangig darum, die Erträge zu sichern. Das heißt, bevor wir vollständig umstellen, haben wir noch ein paar andere Dinge zu regeln.
Der La Côte 2022 ist der erste reinsortige Merlot von Château Lascombes
Chateau LascombesBordeaux befindet sich in einer schwierigen Phase. Wie sollte sich die Region verändern?
Axel Heinz: Es sollte weniger Spekulation geben. Wir müssen dafür sorgen, dass die ganze Welt regelmäßig und mit viel Genuss Bordeaux trinkt. Dazu sollten wir auch die Weine besser vermarkten, die nicht teuer sind. In einem gewissen Preissegment gibt es kaum eine Region, die so stabile und qualitativ hochwertige Weine anbieten kann wie Bordeaux – und das zu absolut konkurrenzfähigen Preisen.
Viele Bordeaux-Weingüter setzen auf Weißwein. Ihr auch?
Axel Heinz: Ich möchte das gerne machen. Dafür müssen wir aber das richtige Timing finden. Einerseits läuft die Welle der Weißweine in Bordeaux schon seit einiger Zeit. Wir wollen ja nicht die Letzten sein und erst damit anfangen, wenn sich alle anderen schon fest im Markt etabliert haben. Ein bisschen eilig hätten wir es daher schon. Andererseits muss man auch sicher sein, dass man die Dinge in der richtigen Reihenfolge erledigt. Unser zentrales Projekt ist, Château Lascombes zu dem zu machen, was es eigentlich sein sollte: eine anerkannte Referenz in Margaux und außerhalb. Ein Wein, der vollständig seinem Status als Deuxième Cru entspricht. Das heißt, erst mal müssen wir das Prestige von Château Lascômbes wieder ankurbeln, danach machen wir Weißwein. Aber wir wissen, dass wir nicht allzu viel Zeit haben. Spätestens in fünf Jahren sollte es einen Weißwein bei uns geben.
Wenig überraschend, gibt es jetzt auch einen Premium-Merlot von Château Lascombes.
Axel Heinz: Es gibt hier so viele interessante Terroirs für Merlot. Mir war wichtig, zu verstehen, wie man daraus einen Wein mit eigener Identität und Persönlichkeit machen kann. Dieser Wein soll völlig eigenständig sein und etwas zu sagen haben. Ich freue mich darauf, seine Persönlichkeit über den Jahrgangscharakter hinaus weiter zu ergründen.
Dieser Wein wird wohl ständig mit Masseto verglichen.
Axel Heinz: Ja, aber davor habe ich keine Angst. Ich kann und will mich ja meinem Ruf als Merlot-Spezialist nicht entziehen. Warum sollte ich also mit diesen Möglichkeiten nicht einen reinsortigen Wein daraus produzieren? Die Terroirs von Bolgheri und Margaux sind so unterschiedlich. Und Vergleiche werde ich aushalten.