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Der Winzer Florian Weingart aus Spay (Mittelrhein) kritisiert die neue deutsche Klassifikation, die auf den Regeln des VDP basiert. Im Interview erklärt er,warum er die neuen Regeln für fachlich falsch und nicht für alle Weingüter gleichberechtigt hält.

Uwe Kauss
leitet die Redaktion von wein.plus

Florian Weingart aus Spay am Mittelrhein führt den Familienbetrieb seit 1996 mit seiner Ehefrau Ulrike. Seine Familie war im Ort bereits seit Beginn des 18. Jahrhunderts als Landwirte und Winzer tätig. Weingarts Eltern strukturierten den Mischbetrieb in den 1960er Jahren zum Weingut um. Er schloss ein Studium in Geisenheim als Weinbau-Ingenieur ab und bewirtschaftet derzeit sechs Hektar Weinberge auf einem Grundbesitz von etwa 16 Hektar, der ursprünglich aus mehr als 400 Einzelparzellen bestand, in denen Riesling sowie etwas Spätburgunder wächst. Zudem haben er und seine Familie 300 Obstbäume sowie über 800 Sträucher und Hecken gepflanzt. Damit will Florian Weingart eine in der Region einzigartige Schaufläche der verschiedenen Nutzungsepochen der Kulturlandschaft im Steilhang schaffen.

Vor über einem Jahr hat der DWV den Entwurf eines neuen Weingesetzes vorgestellt, mit dem der Rahmen einer neuen Klassifikation eingeführt wurde. Danach war es still in der Weinszene. Warum gab es keine Diskussion?

Florian Weingart: Es wurde erstaunlich wenig darüber diskutiert. Die Klassifikationsbemühungen des VDP laufen bereits seit 20 Jahren und haben dadurch das Bild in der Weinwirtschaft zu diesem Thema schon mitgeprägt. Eine neue Generation von Winzern hat auch zum Teil recht unkritisch die Vorstellungen übernommen, die dem Ansatz unterliegen.

Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind für Florian Weingart besonders wichtig. Daher hat er seine Vinothek besonders ressourcenschonend in einem Tiny House eingerichtet.

Weingut Weingart

Sie waren Mitglied in einer der neuen Schutzgemeinschaften, die eine entscheidende Rolle im neuen Konzept erhalten. Wie wurde das Thema aufgenommen?

Florian Weingart: Die Diskussion ist in den Schutzgemeinschaften der Gebiete vom Weinbauverband bewusst ausgespart worden. Es wurde nur auf die Gremienarbeit im Ausschuss des Verbands zum Ersten und Großen Gewächs verwiesen. Dann wurden die Ergebnisse mitgeteilt, sodass es keine echte Debatte gab. Die Entwicklung war für mich überraschend – und bestürzend, dass so wenig Diskussion darüber gelaufen ist. Ich habe eine Kritik geschrieben und sie vielen Winzern als Brief geschickt. Die Antworten kann ich an einer Hand abzählen. Jetzt geht es darum, ob einzelne Lagen höher bewertet werden als andere in der Klassifikation. Doch mir sind keine Alternativmodelle bekannt geworden, mit denen sich Winzer hätten auseinandersetzen können.

Eine Spitzenlage klassifiziert sich selbst

Haben Sie einen Vorschlag entwickelt?

Florian Weingart: Ich habe versucht, mich intellektuell und wissenschaftlich mit der Problematik auseinanderzusetzen, damit eine Diskussionsgrundlage entsteht. Der Mittelrhein, von dem ich komme, ist ja eine Weinregion, die sehr stark am Riesling orientiert ist. Unsere Riesling-Kultur kollidiert aber mit der geplanten Lagenklassifikation deutlich, weil sich die Vielfalt der verschiedenen Riesling-Weine nicht auf ein bestimmtes Bodensegment oder einen Parzellenteil festlegen lässt. Wir erzeugen traditionell innerhalb einer guten Lage sehr unterschiedliche Qualitäten in einem Jahr . Daher ist die Idee eines ausschließlich trockenen Großen Gewächses, das alleine an der Spitze steht, der Riesling-Kultur fremd. Vielleicht auch historisch falsch. Die großen, teuren Riesling-Weine, denen man heute nacheifert, waren im 19. Jahrhundert zum großen Teil nicht trocken.

Für Florian Weingart ist die Idee falsch, nur das Große Gewächs sei besonders typisch für eine Herkunft.

VDP / Peter Bender

Was wären für Sie Kriterien einer Klassifikation, nach denen man den Wein in Deutschland neu ordnen könnte?

Florian Weingart: Das ist gar nicht so einfach. Es sind Entscheidungen zu treffen, die ein Verfallsdatum haben, durch den Klimawandel beispielsweise. Die man immer wieder neu evaluieren muss. Ich würde mich beschränken auf Kriterien, die sich unmittelbar an den Wein und seine Qualität richten. Aber auch das ist problematisch, weil die Geschmacksvorstellungen durchaus unterschiedlich sind. Was ist Qualität? Was ist mit spontan vergorenem, jungem Wein? Kann der hoch bewertet werden? Wie wird das Potenzial eines Weines in die Bewertung eingepreist? Darf der Prüfer nur den Ist-Zustand bewerten? Das sind die Probleme, die sich auftun.

Wir reden also aus Ihrer Sicht über die Unmöglichkeit einer Klassifikation?

Florian Weingart: Eine Spitzenlage, die überdurchschnittlich häufig hervorragende Weine liefert, klassifiziert sich doch selbst. Der Verbraucher nimmt so einen Wein anders wahr als einen ohne bekannten Lagennamen. Am besten wäre es, hohe Qualitätskriterien festzulegen, alle Erzeuger einzubeziehen und bei ihnen den Ehrgeiz zu wecken, Weine zu produzieren, die in dieses System hineinpassen. Und um eine Einzellagenbezeichnung zu tragen, müsste ein Wein die bisherigen gesetzlichen Mindestvoraussetzungen deutlich übertreffen.

Das neue Weingesetz versucht, die Systeme von Burgund und Bordeaux zu fusionieren. Wie ist Ihre Position dazu?

Florian Weingart: Die Schwierigkeit ist, die beiden Ansätze des französischen Systems mit dem deutschen zu vergleichen. Wir haben in Deutschland viel, viel mehr Rebsorten und Weinkategorien. Ob in Burgund oder Bordeaux – da haben Sie den Erstwein und den Zweitwein. Manchmal gibt es im Bordeaux noch was Weißes, aber das war’s. Bei uns können in einem Hang sechs Weinkategorien und fünf Rebsorten stehen. Allein das sind nur zwei Gründe, die sich ausschließen, weil der Klassifikationsgegenstand sehr viel heterogener ist. In der französischen Appellationsentwicklung entstand primär eine sehr starke Typisierung, bei der die Herkunft mit einem bestimmten Produkt identifiziert wird. Wir dagegen haben Wein, der an einem Standort in sehr unterschiedlichen Ausprägungen erzeugt wird – die französische Einheitlichkeit gibt’s hier nicht. Leider ist die Idee fachlich falsch, nur ein trockener Spitzenwein, ein Großes Gewächs, sei typisch für eine bestimmte Herkunft. Natürlich sind das auch ein süßer Kabinett und die feinherbe Spätlese. Wir trafen bei Diskussionen in der Schutzgemeinschaft Mittelrhein genau auf dieses Problem, als wir versucht haben, das Prinzip „Je enger die Herkunft, desto höher die Qualität“ anzuwenden. Für Riesling reicht das nicht aus. Wenn ich nur Riesling und die Katasterlage aufs Etikett schreibe, weiß der Verbraucher ja immer noch nicht, was für ein Wein ihn erwartet.

Die neue Lagenklassifikation schafft feudalistische Herkunftsprivilegien

Brauchen wir aus Ihrer Sicht überhaupt eine Klassifikation der Lagen?

Florian Weingart: Eine Lagenklassifikation ist nur die Bewertung eines Qualitätspotenzials. Sie beschreibt das Potenzial von Herkünften. Da fängt das Problem schon an: Bestockte und nicht bestockte Weinberge, historische Rebflächen – wie bewertet man ihr Potenzial? Dass man zugleich eine Betriebsklassifikation einbeziehen will, ist für mich das Eingeständnis: Es gibt fachlich keine Methode, wie man Potenziale bewertet, ohne dass sie realisiert sind. An den Rebstöcken hängen keine verkorkten Flaschen. Es ist ein weiter Weg von der Traube zum Wein. Zudem enthält das VDP-Konzept eine total problembehaftete Kombination: Nach den Plänen stellt Winzer A den Antrag, eine Fläche zu klassifizieren. Der wird ihm gewährt, weil ihm ein VDP-Betrieb gehört und er schon fünf Jahrgänge guter Weine nachweisen kann. Der Nachbar ist nicht Mitglied des VDP und lässt seine Parzelle nicht klassifizieren. Sie hat, von außen betrachtet, dasselbe Potenzial. Die beiden Winzer sind in der Lage unmittelbare Nachbarn. Aber nur die eine Parzelle ist eine Große Lage, die Parzelle des Nachbarn ist es nicht. Erwirbt aber Winzer A die Parzelle B, wird sie vermutlich direkt als Große Lage eingestuft. Das lässt sich mit dem Begriff „Lagenklassifikation“ nicht vereinbaren. Damit wird das Konzept ad absurdum geführt. Und es ist ein Grundproblem, dass die Lage weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für Weinqualität ist. Es gibt im besten Fall eine höhere Häufigkeit von Spitzenweinen in einem bestimmten Standort als von anderswo her. Und in der Wechselwirkung der Böden mit dem Klima sowie der Jahreswitterung verschieben sich diese Grenzen gegebenenfalls kontinuierlich – Stichwort: Klimawandel – und mit der Witterung von Jahr zu Jahr. Nicht von ungefähr haben wir in den nördlichen Weinregionen traditionell eine mindestens so starke Qualitätsaussage des Jahrgangs, also der zeitlichen Herkunft, wie der Lage als räumlicher Herkunft.

Der Deutsche Weinbauverband will dem VDP die Trägerschaft über die Lagenklassifikation übertragen. Beide haben dazu einen Verein gegründet.

Florian Weingart: Da wird der Bock zum Gärtner gemacht. Ich weiß, dass es solche Vorschläge schon lange im Präsidium des Deutschen Weinbauverbands gab: Mit den Problemen, die einhergehen, wenn der DWV mit dem Klassifizieren beginnt und er deswegen von Winzern verklagt wird, will sich niemand befassen. So entstand die Idee: Wir überlassen das Thema dem VDP, dann sollen die sehen, wie sie klarkommen. Aus meiner Sicht ist das absolut unmöglich. Der VDP hat ja schon im Vorfeld des Vorschlags, der vom Weinbauverband gemacht wurde, den Wunsch geäußert, dass sie federführend in den Schutzgemeinschaften oder in den Komitees zur Lagenklassifikation tätig sein wollen. Um den Daumen drauf zu halten, wer klassifizieren darf und wer nicht. Alle Betriebe, die bisher schon Große Gewächse erzeugt haben, dürfen sie nahtlos weiter erzeugen, während alle anderen sich erst mit fünf Weinjahrgängen qualifizieren sowie das abstrakte Niveau der Weinlage und ihre historische Bedeutung nachweisen müssen. Diese Kriterien rufen nicht die physische Eignung der Lage ab, weil es dafür keine Methode gibt. Sondern man muss im Grunde nur historische Karten und Dokumente oder was auch immer als Beleg heranschleppen. Das kann aber nur der, der schon vorher da war. Es entsteht ein Missverhältnis zugunsten der VDP-Weingüter – und der VDP soll jetzt auch noch federführend das Vorhaben ordnen. Das wird nicht dazu führen, dass dieses Feld gleichberechtigt allen Erzeugern eröffnet wird. Und es ist für mich schwierig, weil das Weinrecht bisher demokratisch verfasst ist und auf dem Grundgesetz basiert. Weine werden nach ihrer tatsächlichen Qualität bewertet und nicht anhand des Qualitätsversprechens einer Herkunft. Das bedeutet, dass alle Teilnehmer am Markt mit gleich guten Produkten potentiell gleich gewürdigt werden können. Lagenklassifikation schafft hingegen feudalistische Herkunftsprivilegien – und ihre Systematik funktioniert fachlich nicht.

Warum nicht?

Florian Weingart: Die heutige wissenschaftliche, auch in Deutschland zugrundeliegende Vorstellung bei der Abgrenzung der Spitzenlage ist die eines einheitlichen Terroirs. Da unsere Lagenabgrenzungen dem meist gar nicht entsprechen, strebt man eine enge parzellenscharfe Abgrenzung an. Wir haben hier die vermeintlich logische Vorstellung: Die parzellenscharfe Betrachtung macht uns die saubere Abgrenzung der Qualitätspotenziale möglich. Aber in unseren Steillagen sind die Geländeformationen oft besonders kleinräumig. Zum Beispiel haben wir innerhalb der Katasterlage Spay „In der Zech“ auf einem Hektar Anbaufläche kalkfreien Schiefer, aber das ist nur ein kleiner Abschnitt. Wir haben auch lössgeprägte Schieferböden und schiefergeprägte Lössböden mit Kalkgehalten bis zu sechs Prozent, wir haben entkalkte Lössböden – und das alles liegt auf einer Strecke von 100 Metern nebeneinander. Ich würde mich sehr schwer tun, hier eine wertende Abgrenzung vorzunehmen. Wenn ich mich aber auf nur einen homogenen Teil der Lage fokussiere, werde ich extrem anfällig für die Unterscheide der Jahreswitterung. Ich werde notgedrungen falsch klassifizieren, weil das vielleicht nur in drei von fünf Jahren funktioniert. Aber was mache ich in den anderen beiden Jahren, wenn der bessere Wein 30 Meter weiter unten wächst, weil es ein trockenes Jahr ist und dort die Bodenmächtigkeit größer ist – oder in einem feuchten Jahr 50 Meter weiter oben? Am Ende müssen Bezeichnung, Verkaufspreis, Qualität und Herkunft zusammenpassen. Dann würden die Winzer gezwungen, im Keller die Schilder an den Fässern umzuhängen. Das kann aber doch nicht das Ziel sein. Der ganze Ansatz der Klassifikation möglichst homogen gedachter Terroirs ist fachlich fundamental problematisch für das Ziel, Jahr für Jahr die besten Weine zu kennzeichnen.

 

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