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Zwischen Betrügern und Händlern herrscht eine Art Wettrüsten: Weinfälschungen lassen sich heute auch von Profis nur noch schwer entlarven. Doch sie halten mit High-Tech-Werkzeugen und neuen Verfahren zur Erkennung dagegen.

Alexander Lupersböck
Weinakademiker, Autor und Referent mit Vorliebe für elegante Weine

Im Wein liegt nicht immer Wahrheit. wein.plus berichtet immer wieder darüber, dass manche Anbieter falsche Herkunftsangaben oder Qualitätsstufen verwenden, um Weine teurer verkaufen zu können. Anders ist es im Premium-Segment: Der Anreiz, billige Weine in leere Spitzenwein-Flaschen zu füllen oder die Ausstattung rarer Weine zu fälschen, liegt in den hohen Verkaufspreisen. Internationale Bekanntheit erlangte etwa der amerikanische Weinfälscher Rudy Kurniawan, der sieben Jahre Gefängnisstrafe abgesessen hat. Einen zweifelhaften Ruf erwarb auch der deutsche Raritätenhändler Hardy Rodenstock. Über seinen Streit mit dem US-Milliardär William Koch wurde sogar der Kinofilm „The Billionaire's Vinegar” gedreht, in dem Oscar-Preisträger Matthew McConaughey die Hauptrolle spielt. Darin geht es um Weine aus dem angeblichen Besitz des ehemaligen US-Präsidenten Thomas Jefferson, für die Koch je eine halbe Million Dollar bezahlt hatte.

Jessica Dunn ist die Sicherheitsexpertin von Liv-ex.

Liv-ex

Längst betreiben seriöse Händler gewaltige Anstrengungen, um Plagiate zu erkennen. Daher wird das Fälschen von Weinflaschen immer aufwendiger und teurer, damit Experten den Betrug nicht bemerken. Denn auch die Sicherheitsmerkmale werden immer besser – etwa mit Hologrammen, NFC-Siegeln und Seriennummern. Gute Fälschungen herzustellen, wird damit immer schwieriger. Denn ist der Aufwand für Fälscher zu hoch, zahlt sich der Betrug für sie kaum mehr aus. Jessica Dunn, Sicherheitsexpertin der weltweiten Fine-Wine-Handelsplattform Liv-ex, erklärt: „Bei jeder Flasche, die wir prüfen, dokumentieren wir die Ergebnisse sorgfältig. Ganz wichtig: Entspricht das äußere Erscheinungsbild dem Alter? Wir prüfen Form und Gewicht der Flasche, die Einprägungen am Boden und das Erscheinungsbild des Etiketts: Stimmen die Schriftarten, die Schriftgrößen, die Farben? Gibt es Sprach- oder Grammatikfehler?“ Das tun längst alle Raritätenhändler: Eine jahrzehntelang in einem Erdkeller gelagerte Flasche kann nicht sauber sein. Das Etikettenpapier wird entsprechend vergilbt aussehen, die Kapsel verwittert, und es sollten sich Ablagerungen in der Flasche gebildet haben. Sind einzelne Elemente einer Weinflasche in unterschiedlichem Zustand, schrillen die Alarmglocken. „Wirken das Vorder- und das Rückenetikett unterschiedlich alt, gibt es Schimmelspuren nur auf einem Etikett und passt der Zustand der Kapsel nicht dazu, kontrollieren wir umso genauer. Darauf ist unser Team trainiert. Wir haben einen Algorithmus entwickelt, der uns hilft, Fälschungen zu erkennen“, erzählt Jessica Dunn. Aber: „Ich kann nicht alle unsere Geheimnisse verraten. Vieles, was wir tun, muss vertraulich bleiben.“

 

Jan-Erik Paulson: „Ich habe fast alle in Frage kommenden Weine getrunken.“

Paulson Rare Wine

Farbe ist wichtiger als Füllstand

Jan-Erik Paulson ist Raritätenhändler in Deutschland mit jahrzehntelanger Erfahrung (Paulson Rare Wine). Prüft er angebotene Flaschen, geht er so vor: „Ich durchleuchte die Flasche mit einer Lampe und kontrolliere die Farbe. Die 1945er Bordeaux haben immer noch eine sehr tiefrote Farbe. Weine aus heißen Jahren wie 1976 zeigen hingegen schon früh Orange-Töne.“ Auch der Füllstand spielt eine große Rolle, aber Paulson sagt: „Für mich ist die Farbe des Weines wichtiger als die Füllhöhe.“ Was er mit der Taschenlampe macht, lässt sich mit aufwendiger Technik verfeinern. Spezialisten schießen hochauflösende Fotos, untersuchen die Etiketten unter UV-Licht und arbeiten sogar mit digitalen Mikroskopen. Schließlich können sie eine Flasche mit Infrarot-Spektroskopie durchleuchten und einen chemischen Fingerabdruck des Weins ermitteln, den sie mit Gegenproben vergleichen. Liv-ex beobachtet die Entwicklung dieser Technologien genau – und schließt ihren Einsatz in Zukunft nicht aus. Aber auch Jessica Dunn zieht mit dem ehemaligen Direktor des Auktionshauses Sotheby’s, Michael Egan, manchmal menschliche Expertise zur Rate.

Clemens Riedl: „Bei einer gut gefälschten Flasche ist alles echt. Außer dem Wein.“

trinkreif

Will man den Korken genauer untersuchen, muss man die Kapsel aufschneiden. Das passiert daher nur in wenigen Fällen. Noch seltener wird ein Wein verkostet. Nur wenn der Verkäufer zustimmt, entnimmt man mit Hilfe von Coravin eine kleine Menge. Paulson: „Ich habe fast alle Weine schon getrunken, bei denen sich Fälschungen auszahlen würden. Ich weiß, wie ein bestimmter Wein aus einem bestimmten Jahrgang schmeckt.“ Clemens Riedl und Julius Neubauer vom österreichischen Fine-Wine-Händler „trinkreif” verkosten manche Weine, wenn sie eine große Sammlung überprüfen. „Kürzlich wurden uns rund 1.200 Flaschen angeboten. Wir haben vier davon als Stichproben aufgemacht. Das muss es dem Verkäufer wert sein.“

Riedl betont, was das Wichtigste beim Kauf von Weinen ist: die Glaubwürdigkeit ihrer Herkunft, die Reputation des Verkäufers, die Geschichte hinter den Weinen. Woher stammen sie? Wie gelangten sie in den Besitz des Verkäufers? Ist er ein echter Sammler, hat er mehrere interessante Weine – oder plötzlich eine Flasche irgendwo „gefunden“?

 

„Vom Lastwagen gefallen“?

Riedl kann einige Anekdoten erzählen, wie er in abgelegene Privathäuser ging, um sich Weinkollektionen anzusehen. „Und dann musste ich der versammelten Großfamilie erklären, weshalb ich nur einige wenige junge Flaschen kaufe. Das war unangenehm, so würde ich das heute nicht mehr machen.“ Und auch diese jungen Flaschen würde er heute nicht mehr mitnehmen. „Wenn mir die Eigner nicht plausibel erklären können, woher sie stammen, lasse ich sie liegen. Ich will niemandem etwas unterstellen, aber die Flaschen könnten ja auch ‚von einem LKW gefallen sein‘, wie man so sagt. Immerhin häufen sich Einbrüche in Keller und Lager.“ Daher würden heute teure Weine meist ohne Lieferpapiere verschickt und die Kisten schwarz foliert, damit niemand mehr sehen kann, was drin ist. Schließlich muss der Händler absichern, dass er keine gestohlene Ware weiterverkauft. „Einmal wurde ich unsicher und habe das der Polizei gemeldet. Man darf allerdings nicht davon ausgehen, dass ein Beamter im Polizeirevier sofort versteht, wovon ich da spreche. Aber Interpol hat Datenbanken und kann die Angaben abgleichen. Wenn die Weine nirgendwo als gestohlen gemeldet sind, dürften sie in Ordnung sein“, erklärt Riedl.

 

Seriöse Händler kennen die Geschichte ihrer Weine.

Paulson Rare Wine

Das gute Geschäft mit leeren Flaschen

Vor einigen Jahren machte der deutsche Importeur der Domaine de la Romanée-Conti (DRC) Schlagzeilen. Er forderte seine Kunden auf, ihm jährlich Fotos von den Beständen zu schicken, ausgetrunkene Flaschen zu zertrümmern und die Scherben zu fotografieren. Riedl versteht das: „Ich habe es auch nicht gern, wenn uns Gäste fragen, ob sie nach einer Verkostung eine leere Flasche mitnehmen dürfen. Ich weiß von anderen Händlern, dass sie die Flaschen zerschlagen, bevor sie sie in den Recycling-Container werfen.” Denn besitzt man erst eine Original-DRC-Flasche mit Originaletikett und Seriennummer, ist das kein schlechter Anfang für einen Betrug. „Hat man dazu noch den Originalkorken mitgenommen, könnte man mit entsprechender krimineller Energie versuchen, einen anderen Wein einzufüllen und die Flasche wieder zu verkaufen. Dazu braucht man nur noch die passende Kapsel.“ Und die lassen sich auf den geeigneten Plattformen problemlos finden und kaufen. Riedl kennt einige Beispiele, bei denen prominente Persönlichkeiten aus der Weinszene mit Zugriff auf diese Materialien geleerte Flaschen mit anderem Inhalt wieder in Umlauf gebracht hätten.

Die Beurteilung nur der Flasche kann laut Riedl daher irreführend sein: „Es könnte sich ja wirklich um eine Originalflasche handeln.“ Offen bleibt aber die Frage, was drin ist. Julius Neubauer bringt dafür ein Beispiel, das auch Jan-Erik Paulson gut kennt. „Vor einigen Jahren kam Sassicaia in absurd großen Mengen in den Handel. Die Flaschen waren so gut nachgemacht, dass sie nur anhand des Papiers, in das die einzelnen Flaschen eingewickelt waren, überführt werden konnten. Die Grammatur des Wickelpapiers war anders als die der Originale.“

Doch wie viele wirklich gut gefälschte Flaschen, die Profis nicht auf den ersten Blick entlarven können, entdecken die befragten Händler pro Jahr? Jan-Erik Paulson etwa sieht „extrem selten gute Fälschungen. Aber die Zahlen gehen langsam nach oben, weil es ja auch mehr teure Weine gibt als vor 30 oder 40 Jahren.“ Jessica Dunn erklärt: „Wir kontrollieren rund 30.000 Flaschen pro Jahr, und alle zwei bis drei Monate ist eine gute Fälschung dabei. Das höre ich auch von anderen Spezialisten wie Philip Moulin, dem Qualitäts- und Authentifizierungs-Manager von Berry Bros. & Rudd. Aber wie viele es weltweit sind und wie groß der Schaden sein dürfte, ist unmöglich zu schätzen.“ Am besten sei es, nur von einem bekannten seriösen Händler zu kaufen, der viel Erfahrung besitzt. Clemens Riedl resümiert: „Bei einer gut gefälschten Flasche ist alles echt. Außer dem Wein.“

 

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